12. Januar 2015

Vereint gegen die Angst

Der schockierende Terroranschlag auf die französische Satirezeitung "Charlie Hebdo" und die ergreifende Reaktion der Europäer, solidarisch an der Seite Frankreichs zu stehen, markieren eine historische Zäsur. Vielleicht ist nun endgültig deutlich geworden, dass die Grundprinzipien demokratischer Gesellschaften bedroht sind. Die Aufgabe des Journalismus ist es nun, auch in Zeiten der eigenen Krise Flagge zu zeigen.


Es dauerte nur Minuten, dann hatten die Menschen nach dem ersten Entsetzen über die Bilder des Terrors in Paris eine Antwort gefunden. Sie verbreitete sich zunächst rasant  in der virtuellen Welt, um dann auch auf Plakaten in den Händen der vielen Trauernden zu landen, die nur Stunden nach der Tat auf die Straße gingen: "Je Suis Charlie"

Der 07. Januar 2014 wird in die Geschichte eingehen, nicht weil Frankreich sein 9/11 erlebt hat, wie es nach dem grauenhaften Anschlag auf die bis zu diesem Tag eigentlich nur Franzosen bekannte Satirezeitung "Charlie Habdo" öfter hieß, sondern weil mit abscheulicher Gewalt etwas angegriffen wurde, das für die Menschen nicht einen Moment lang als bedroht angesehen wurde. Ein Brüderpaar, in Frankreich aufgewachsen, von islamistischer Ideologie geblendet, hat mit chirurgischer Präzision fast die gesamte Redaktion einer Zeitung hingerichtet - und damit in einem symbolischen Akt, der gar nicht so schnell verdaut werden kann, wie er von Medien und Politikern aufgegriffen worden ist, die Presse-, ja, sogar die Meinungsfreiheit angegriffen.

Inzwischen sind die Terroristen, nachdem sie mit beispiellosem Aufwand gejagt und liquidiert wurden, tot, und in der französischen Hauptstadt wie im ganzen Land gingen bei einem Trauermarsch Millionen Menschen auf die Straße. Die Bilder von Dutzenden Regierungschefs, die sich einander an den Händen hielten, um Zusammenhalt in der Stunde des Schmerzes zu demonstrieren, werden um die Welt gehen. Vor allem auch deswegen, weil sich darunter Politiker befanden, deren Staaten miteinander nach wie vor im Konflikt stehen. Was für ein starkes Symbol.

Die Grande Nation hat - und das konnten sich die Attentäter in ihren kühnsten destruktiven Träumen nicht ausmalen - mit diesem Angriff auf die Grundfeste ihrer Gesellschaft wieder zueinander gefunden. 

Manche Franzosen werden sagen, dass es bitter nötig war, zu gelangweilt waren unsere Nachbarn von sich selbst, zu zerstritten wirkte die politische Klasse in den letzten Jahren; nicht zuletzt geprügelt von einer darbenden Wirtschaftsentwicklung und hoher Arbeitslosigkeit. 

Die Ereignisse aus dem Herzen Europas sollten aber, nachdem die Trauer verarbeitet worden ist, weder mit dem Entsetzen (und der Angst!) vom 07. Januar und auch nicht mit der durchaus pathetischen Beschwörung von Solidarität und Einigkeit vom 11. Januar analysiert werden. Wenn nicht jetzt, wann sollten die Menschen der westlichen Demokratien dann begreifen, dass die Grundprinzipien ihrer Gesellschaften angegriffen werden, seit einiger Zeit bereits. 

Man sollte realistisch bleiben: Einige von Hasspredigern angetriebene Terroristen werden nicht das Ende des Abendlandes einleiten. Aber der von einer islamistischen Minderheit angeführte Kampf gegen die unübersichtliche und nach Meinungen vieler wohl auch führungslose Hypermoderne sollte Anlass genug sein, politische und gesellschaftliche Veränderungen nun endlich zu erzwingen. 

Wenn man für sie nicht auf einem Stimmzettel wählen kann, dann muss man für sie auf die Straße gehen. Die Zeitenwende hat nicht erst seit dem 11. September oder seit der heftigsten globalen Wirtschaftskrise nach den 1920er-Jahren oder gar mit der Katastrophe von Fukushima begonnen. 

Noch einmal ein Blick auf die unheimliche Symbolik dieses Terrorangriffs: Zwei Attentäter griffen just an dem Tag, da eine neue Ausgabe von "Charlie Hebdo" erschien und den Schriftsteller Michel Houellebecq auf ihrem Cover hatte (dessen neuer, seit Wochen heftig diskutierter, angeblich islamophober Roman "Unterwerfung" ausgerechnet ebenfalls an diesem Tag veröffentlicht wurde) die Redaktion des Satireblatts mit Waffengewalt an, die wiederum nur einmal in der Woche und genau in diesem Moment gemeinsam zusammensaß, um über die nächste Ausgabe zu beraten. Die Gnadenlosigkeit, mit der hier vorgegangen wurde, ist beispiellos. Man muss inständig hoffen, dass sie keine Schule macht - dass sie nun nicht für eine neue Genration von Terroristen zum Vorbild wird.

Ausgerechnet eine französische Zeitung. Ausgerechnet ein satirisches Medium, das für seine Karikaturen im eigenen Land berüchtigt war. Ausgerechnet ein Blatt, das eine Sonderausgabe herausbrachte, die sich spöttisch mit dem unaufgeklärten Islam fanatischer Prägung auseinandersetzte. Ausgerechnet ein Magazin, das die große französische Tradition der Karikatur, der Illustration, des Comics geradezu sinnbildlich verkörperte. 60.000 Exemplare verkaufte "Charlie Hebdo" Woche für Woche, eine Erfolgsdimension, die in Zeiten des digitalen Wandels, der den Printmedien genauso zusetzt wie sinkende Anzeigenpreise, geradezu märchenhaft daherkommt. Die Franzosen lesen noch. Ja, auch in Deutschland verderben sich die Menschen ihre Augen an enggedruckten Buchstaben. Aber es ist kein Geheimnis, dass sich die teuer produzierten Leuchttürme der Aufklärung bald nicht mehr auf dem Niveau halten können, das sie einst zur Speerspitze der Pressefreiheit gemacht haben. 

Und nun diese Attacke auf das Recht, auch mit ätzender Satire auf die Probleme der Welt zu reagieren. Das wird Auswirkungen haben. Zeitungen werden in Zukunft häufiger vorher prüfen, was sie schreiben, was sie zeigen; britische und amerikanische Medien trauen sich nicht einmal jetzt, die
Zeichnungen von "Charlie Hebdo" nachzudrucken.  

Auch hierzulande würden es sich manche Gazetten zweimal überlegen, eine islamkritische Zeichnung auf ihre Titelseite zu heben, wenn sie wüssten, dass sie die einzigen wären. 

Nachwievor befinden sich die Staaten der Europäischen Union in der größten Krise seit ihrer Gründung, weil sich in den Jahren nach der Auflösung der Sowjetunion und erst Recht nach der verhängnisvollen Eurokrise die Machtbalance auf dem Kontinent verschoben hat. Außerdem sind einige eigentlich für selbstverständlich befundene Institutionen und mehr noch viele gemeinschaftsstiftende Werte von einer bisher noch gar nicht verstandenen Bedeutungserosion bedroht. In solchen Zeiten ist ein Terrorismus, der sich gegen einen angeblich amoralischen Kapitalismus richtet (also eine Wirtschaftsform, die Gewinner und Verlierer auch danach bestimmt, einer diffusen Freiheit das Wort zu reden, die jederzeit "alles für alle" verheißt), Gift für Gesellschaften, die ihren Zusammenhalt mit jeder weiteren Finanzkrise, dem Ansteigen der Arbeitslosigkeit, einer beunruhigenden demographischen Entwicklung und einer für die Zukunft prognostizierten und derzeit noch gar nicht einzuschätzenden Zuwanderungsbewegung als gefährdet ansehen müssen. 

Wer will es den Menschen da verdenken, dass sie sich in solchen Zeiten von außergewöhnlichen emotionalen Bewegungen anstecken lassen, ganz gleich ob es sich dabei um den kollektiv befeierten Gewinn eines Sportturniers handelt, um Demonstrationen gegen all das, was fremd und ungewohnt ist oder tragischerweise um den Versuch, mit Gewalt gegen die für bedrohlich empfundenen Zustände vorzugehen. 

Natürlich reagieren deshalb auch die journalistischen Medien nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" mit drastischer Aufmerksamkeitsfrequenz. - Hier sind Menschen ihres Berufsstands gestorben. Menschen, die nichts anderes taten als das, was ihre Kollegen seit mehreren hundert Jahren tun: mit klarem Geist und kühlem Kopf, am Besten noch mit großem Stilbewusstsein, kritisch in die Welt zu fahren. Dass es einen auf den ersten Blick gemäßigten Bevölkerungsanteil gibt, der mit großem Selbstbewusstsein und gestärkt von den sozialen Medien (die durchaus die narzisstische Selbstbespiegelung der wenigen Verirrten motivieren und sie paradoxerweise einander näher bringen) im Netz tagtäglich über die "Lügenpresse" herzieht und nebenbei ungeschoren andere Menschen diffamiert, ist da nur eine weitere Gefahr. 

Die Meinungsfreiheit ist noch weitaus mehr bedroht, wenn die freie Presse das Vertrauen der Menschen verliert.

Insofern bedeutet der durchaus globale Schulterschluss unter dem mitfühlenden Ausspruch "Je suis Charlie" hoffentlich auch die Verpflichtung des Journalismus, gerade in Zeiten, da es leicht fällt, emotionalen Codes zu folgen, mit Vernunft und analytischer Schärfe entgegenzusteuern.  In der Trauer zusammenzustehen ist wichtig, in Momenten der Krise - wenn die Wunden erneut aufbrechen - einander die Hände zu halten und trotzdem die Wahrheit auszusprechen, ist aber wesentlich bedeutsamer.