26. Mai 2014

Fragmente einer Sprache der Liebe (5)


Weitere brenzlige Gedanken über das Bloggen 


Was ist relevant? Das muss die Frage sein, die sich der Journalismus zu stellen hat – und die viel zu oft inzwischen bei der Frage verendet: Was ist verkäuflich, was bringt Leser, was Auflage? Was relevant sein sollte, muss sich aber auch der Blogger auf seiner Zeitgeistmission stellen, um nicht ungelesen unter die Räder einer eigentlich unerträglichen, noch nicht gekannten Einsamkeit zu geraten, die nichts anderes als Gedankenmasturbation produziert. Was bedeutet es, publizieren zu dürfen, ohne ein Publikum erwarten zu können? Diese Frage ist eine des 21. Jahrhunderts (denn sie spielte in vorherigen Jahrhunderten noch keine Rolle); sie hat Auswirkungen auf alle Bereiche des geistigen und kulturellen Lebens, und der Blogger darf sich als Speerspitze einer Bewegung verstehen, deren Ziele noch völlig unbekannt sind - außer dass nun jedem möglich ist, ohne großen Aufwand zu publizieren. Vielleicht versucht man es, weil es noch keine Opferzahlen gibt, so lange wie möglich zu vermeiden, darüber tatsächlich nachzudenken.

Und so ist das Bloggen, ist dieser Blog, auch eine unermüdliche Reflexion über die (digitale) Einsamkeit, die nicht ohne Folgen bleibt. Dazu gehören all die elementaren Fragen, die von der schimmernd-glatten Form des Blogs hinab rutschen: Wie oft sollte gebloggt werden, um relevant zu bleiben? Wie müssen die Beiträge bearbeitet werden, damit sie auch gelesen werden können? Wann ist etwas lesbar? Was ist zumutbar? Das Bloggen auch als Fragenkanonade, denn Antworten gibt es überall. Ein Besuch auf Wikipedia genügt. Lieber mehr Fragen stellen, als Antworten zulassen. 

Botho Strauß hat vor kurzem in seinem Buch „Lichter des Toren: Der Idiot und seine Zeit“ darauf hingewiesen, dass mit Beginn des 21. Jahrhunderts der Typus des Außenseiters von der literarischen und vor allem von der gesellschaftlichen Landkarte verschwunden ist und stattdessen von Konformität und Korrektheit auf allen Seiten ersetzt worden ist. In einer Zeit, in der Bestseller darüber geschrieben werden, wie furchterregend die allseitige Rücksicht auf Minderheiten ist, mag diese These verwundern. Aber längst hat sich eine Kultur der resoluten Partikularität entwickelt, die einer pseudoliberalen Ethik das Wort redet und zu dem Schluss verleitet, alles sei möglich, jeder dürfe, was er wolle, solange er dabei dem ewigen Glauben an die Jugendlichkeit als Lebenselixier und der Wertschöpfungskette eines fluiden Kapitalismus kein Argument entgegensetzt. Diesen Vorstellungen will ich etwas entgegenhalten. 

Ich will Geschichten erzählen und Berichte schreiben. Ich will notieren und rekapitulieren. Ich will konstruieren und dekonstruieren. 

Es ist nicht nötig, dabei in Hetze zu verfallen und ohne Netz und doppelten Boden im Akkord Beiträge zu veröffentlichen. Viel wichtiger ist das tiefrote Band, das sich zwischen all den Fragmenten (und sie sind ganz bewusst im Zustand einer eigentlich nicht hinnehmbaren Unabgeschlossenheit verblieben; auch das vom Medium eingeflößte Melancholie, die es hinzunehmen gilt) ausfindig machen lässt.

Ich glaube, dass sich aus all den Ereignissen, die sich ständig um uns ereignen, immerzu Erzählungen bilden, die das Leben für uns ordnen. Es gibt starke und es gibt schwache Erzählungen. Immer aber sind diese Erzählungen Anhaltspunkte dafür, wie über etwas gedacht werden SOLL. Bonmots wie „Die Geschichte wird von Siegern geschrieben“ sind Abkömmlinge eines solchen Narrativs, und sie prägen eine Form der Wahrheitskonstruktion, der wir uns schwer entziehen können. Doch schon die Einteilung in Kategorien wie Sieger und Verlierer verliert angesichts der Komplexität historischer Prozesse – gerade auch im Wechselspiel mit den ökonomischen Realitäten – schnell an Kraft, wenn ihre Prämissen energisch genug unter das Brennglas eines tiefgründigen Denkens geraten. Nicht anders verhält es sich auf der Ebene psychologischer „Wahrheiten“. Was für Menschen werden heute als Genies verehrt und als Außenseiter der Gesellschaft gefeiert? So genannte Kreative, die angeblich als Außenseiter der Gesellschaft in der Garage ihrer Eltern Geistesblitze abgesondert haben, sollen plötzlich Anführer einer Bewegung darstellen, die Intellekt und künstlerischer Raffinesse zu begehrenswerten Eigenschaften und „powerful skils“ machen. Als hätte es erst diese Menschen gebraucht, um den wahren Wert von Schönheit und Tiefe zu erkennen. Auch so ein Narrativ: Die Welteroberung durch den Nerd. Ich will diesen Geschichten ihren Nährboden entziehen, weil ich nicht an sie glaube. Die Außenseiter unserer Zeit sind andere. 

Stattdessen geht es mir darum, den Blog als das zu gebrauchen, was er fernab von Nützlichkeitsmaximierung und Profilbildung im Worldwideweb auch sein kann: eine Kulturkritikmaschine. 

Ich glaube, dass wir eine Zeitenwende erleben, deren größte Verlusterfahrung (in der westlichen Welt) darin besteht, dass den Menschen jegliche Möglichkeit zur Kritik an ihrer Gesellschaft und Kultur entweder ganz genommen wird oder die Instrumente, Kritik auszuüben, von jenen, gegen die sie gerichtet sein sollte, so sehr vereinnahmt worden sind, dass sie als Mittel zum Widerstand unbrauchbar geworden sind. (Wenn sich die Werbung zum Beispiel Ché Guevara als Kultfigur des Untergrundkampfes einverleibt und ihn so hagiographisch auf eine Stufe stellt mit den Götterboten der Verkaufsindustrie, dann ist bereits jeder subversiver Impuls, der einmal hinter dieser Erzählung der militanten Gesellschaftskritik sichtbar war, verschluckt worden.) Aus der möglicherweise unbewussten Erkenntnis dieser Ohnmacht, sich gegenüber dem Lauf der Dinge nicht mehr wehren zu können, weil Widerstand selbst zu einer Art „Lifestyle“ geworden ist, den bestimmte Gruppen verfolgen und sich darüber identifizieren, weil sie bestimmte Produkte, Werte oder Menschen abzulehnen, erwächst wiederum eine intensive Melancholie.