8. Mai 2014

Fragmente einer Sprache der Liebe (3)

Weitere persönliche Gedanken über das Bloggen


Ich glaube, dass die Bedeutung des Blogs als Medium im Medium Internet weit über ihre bisherige Nutzung hinausgeht. Mögen sich die Bedingungen für das Texten im Netz in den nächsten Jahrzehnten auch noch ändern, mit dem Blog ist nicht nur eine Matrize für einen immerzu für die Öffentlichkeit zugänglichen und anzapfbaren Informationsstrom gegeben, sondern auch ein Freiraum ideologisch (!) errichtet worden.

Wozu also Bloggen?

Um eine digitale Datenwolke zu produzieren, aus der sich so etwas wie eine authentische Persönlichkeit herausfiltern lässt, die mithilfe von Texten und Bildern sich selbst für eine neugierige Öffentlichkeit herausgebildet hat? Manche schreiben unter Pseudonym, vielleicht schon mit der Befürchtung, es könnte einmal der Moment gekommen sein, da alles entsetzlich durchsichtig geworden und ohne große Probleme zurück zu verfolgen ist, so dass sich die Anstrengung, Persönliches welcher Form auch immer den neugierigen Augenpaaren fremder Menschen sichtbar gemacht zu haben, nicht mehr lohnt, weil Spott und blindwütiger Kritik so Tür und Tor geöffnet werden.

Es gibt ja keinen Stolz für den augenblicklichen Erfolg des Bloggens, denn wirklich jeder Post steht unter dem kaum zu hemmenden Druck, dass auf ihn ein weiterer folgen muss. 

Die Kunst des Bloggens besteht also nicht darin, mit einem Einzeltext oder einem einzigen Scoop zu überzeugen, wenngleich sich die Aufmerksamkeitsspanne für den eigenen Blog so erhöht und die Leserzahlen mit geschickter Platzierung außerhalb des eigenen Blogs erweitern lassen, sondern über einen sehr langen Zeitraum so etwas wie ein System zu erzeugen, das die Textproduktion rechtfertigt.
Ein Blogautor muss Authentizität erzeugen.

Mit meinem Blog verweise ich schon mit dem Untertitel „Look Closer“ auf etwas, woran ich glaube: Es kommt erstens auf den Blick an, den man in die Welt wirft und zweitens, dass mein subjektiver Standpunkt, wie ich die Welt zu betrachten vermag, von einem Temperament geprägt ist, das im Wesentlichen bestimmte Eigenschaften zur Verfügung stellt und zugleich nicht wenige Möglichkeiten, wie mit Gesellschaft und Privatleben umgegangenen werden kann, ausschließt. Darum ist dieser Blog zugleich reflexiv und hochgradig intim. In den gelungensten Momenten sind die Beiträge auf dem paradoxesten Wege beides zugleich. Mir geht es nicht so sehr darum, den Begriff der Melancholie wie eine Zitrone auszuquetschen und mich an irgendeinen (wissenschaftlichen?) Diskurs anzuschließen. Ich halte das für Zeitverschwendung. Tatsächlich will ich aber dem Geheimnis näher kommen, das sich hinter den Vorstellungen verbirgt, die wir gemeinhin mit der Melancholie verbinden. Das schließt aber schon im ersten Augenblick all jene sentimentalen Gedankenkomplexe aus, die in der Melancholie nur eine simple und vollkommen geistlose seelische Abfuhr sehen wollen. Auch will ich mich nicht einfach an jene Alltagsmelancholiker wenden, die sich aus diesen oder jenen Gründen so nennen, weil sie für ihre Traurigkeit kein anderes Wort finden. Nein, mir geht es darum, die Verantwortung, die es bedeutet, einen melancholischen Blick in die Welt zu wagen – in den Schlund des Vulkans hineinzuschauen, bis der nächste Schritt der Fall in die brodelnde Lava wäre – zu umkreisen. Ich will mich auf einen Stein setzen und denken und fühlen und hören und sehen und glauben, auch deswegen, weil ich das Gefühl habe, dass die rapide Alltagswelt dies in den meisten Formen nicht mehr ermöglichen kann.

Ich öffne mich den Lesern dieses Blogs mit dieser ideologischen Deutlichkeit bereits auf eine Art und Weise, die mich angreifbar macht. Schon mit diesem Sinnzusammenhang bewege ich mich auf die Frage zu, die allen Bloggern, die sich selbst als Autor in den Symbolen ihres im Netz zur Verfügung gestellten Freiraums repräsentiert finden wollen, auf dem Herzen liegen muss: Wie privat darf ich schreiben, wie privat will ich werden?