16. April 2014

Fragmente einer Sprache der Liebe (2)

Weitere grundsätzliche Gedanken über das Bloggen


Es gibt Millionen von Blogs. Wenn in den Medien allerdings von „Den Bloggern“ gesprochen wird, dann ist kaum ein Bruchteil dieser Masse an Autoren damit wirklich gemeint. Tatsächlich handelt es sich in der Regel um zwei Arten von Blogautoren: (semi-) professionelle Journalisten sowie Themenblogger. Erstere haben sich entweder bereits einen Namen gemacht und schreiben mal im Auftrag ihrer Arbeitgeber, oft aber eigenständig, zur Weitung des Renommees, oder sie versuchen sich über diesen Weg in der von der Informationsüberhitzung hysterisch gewordenen (digitalen) Nachrichtenwelt zu etablieren, indem sie noch nicht betretene Pfade begehen oder Nischenbereiche mit unermüdlichen Kommentaren und Meinungsbildern hervorbringen möchten. Diese Autoren ergänzen den gewöhnlichen Journalismus, der sich mit all seinen bunten Schraffierungen in den letzten Jahrzehnten gewinnbringend entwickelt hat, um ein Vielfaches an inhaltlicher Tragweite. Sie vergrößern – sicher auch von einigem Geltungsdrang getrieben – ihren Namen, weil es eben möglich ist. Sie schreiben in direkter Konsequenz über Schauplätze, von denen in den klassischen Medien ihrer Meinung nach falsch oder unzureichend berichtet wird.

Diese Blogger fügen dem Journalismus keinen Schaden zu, weil sie ihn attackieren oder in Frage stellen, sie schaden ihm aber dennoch durch ihre Omnipräsenz, weil sie kraft ihrer eindeutigen Ausrichtung über einen Autor vor allem meinungsbetriebenen und meinungsgetriebenen Journalismus betreiben. Auswüchse dieses kommentargesättigten Schreibens lassen sich, vor allem bei einer jüngeren Autorengeneration, auch längst in den vermeintlich klassischen Nachrichtenmedien beobachten. Es wird nicht sorgfältig genug zwischen Beschreibung und Meinung getrennt, Trends werden zu Lasten von sorgsamer Recherche und Eindeutigkeit gebildet und banale Informationen werden stilistisch ausgewalzt, um ihnen jene Relevanz zu verleihen, die ihnen, auch für das ungeübte und desinteressierte Auge sichtbar, nicht zukommt. 

Themenblogger hingegen sind oftmals keine Journalisten; manche drängt es nicht einmal dazu, diesen Berufszweig zu erklimmen. Sie schreiben über Einzelbereiche des Lebens, der Gesellschaft, der Kultur – immer jedoch in einem sinnstiftenden, eindeutigen Rahmen, der auch stark individualistisch durch den jeweiligen Autor geprägt sein kann, für den Inhalt auf dem jeweiligen Blog aber eine bestimmte Erwartungshaltung von vornherein markiert. Es ist müßig über die ökonomische Folgewirkung solcher Themenblogs für die Einzelbereiche bestimmter Märkte zu sprechen. 

Allgemein bekannt ist, dass sich einige bedeutsame Marken viel davon versprechen, durch angesagte und vor allem vielgelesene Blogger gestützt zu werden, weil in Zeiten des digitalen Wandels und permanent sich neu entwickelnder Werbezielgruppen über den klassischen Weg der Empfehlung von Freunden für Freunde mehr Land zu gewinnen ist, als das vor einiger Zeit vielleicht noch vermutet worden wäre. Da viele Themenblogger ihren Einflusskreis zunächst über Freunde und Freundesfreunde entwickeln (es sei denn, auch sie sind angestellt von Unternehmen, die sie dafür bezahlen, für eine ahnungslose Außenwelt scheinkritische Guerillaschreiber darzustellen) und bei entsprechender Relevanz auch einen weiteren Leserkreis hinzugewinnen können, scheint die Bedeutung des Lesers als sorglos kommentierender und dem Autor in Sympathie zugetaner „Buddy“ nicht von der Hand zu weisen zu sein.
  
Der Leser bestimmt den Inhalt durch seine bezeugte Sympathie mit oder er entstammt bereits einer intellektuellen oder emotionalen Zielgruppe, für die der Blog errichtet worden ist und muss – zumindest inhaltlich – kaum mehr für die Sache gewonnen werden. 

Themenblogs haben es ungleich einfacher in der Hierarchie der Blogosphäre. Auf einem bestimmten Niveau sind sie durch Werbung als Projekt rentabel und scheinen auch kaum davon bedroht, mit bestimmtem Content ins Risiko gehen zu müssen. Ihre Relevanz wird vom gewählten Thema mitbestimmt. Dabei können natürlich auch gerade hier Nischenbereiche von großem Wert sein (Blogs über seltene Erkrankungen zum Beispiel, die vielleicht ganz persönlich den Krankheitsverlauf tagebuchartig protokollieren oder Blogs über den verzweifelten Gang zu irgendwelchen Behörden), denn sie bieten vielleicht Rat und Information in Segmenten, die in der öffentlichen Wahrnehmung falsch eingeschätzt oder nicht hinreichend informationell bearbeitet werden. Letztlich sind die Anforderungen an einen solchen Blog aber eindeutig: Vom Fashionblogger erwartet der geneigte Leser Tipps für den eigenen Konsum, Trends und ein gewisses Stilbewusstsein des Autors, damit er den Blog ernst nehmen kann. Das gleiche gilt für Filmblogs, Musikblogs, Technikblogs, Kochblogs, Nachwuchspolitikerblogs etc. 

Mit diesem Blog reihe ich mich nicht in die Tradition solcher Blogs ein. Manche Gründe, warum ich das nicht tue oder tun kann, mögen auf der Hand liegen. Ich habe mir weder journalistisch einen Namen gemacht, noch hege ich das Interesse, einen Blog mit nur einem Themenbereich auszufüllen, obwohl es genügend Sortimente gäbe, die ich gerne zur Darstellung brächte.  

Dieser Blog steht für den Großteil von Blogs, der, wahrscheinlich weit unterhalb der Wahrnehmungsschwelle, an einer neuen Form der Selbstdarstellung, an einer Technik des Selbst arbeitet, die, hoffentlich, wesentlich produktiver, weniger narzisstischer, dafür aber komplexer und raumgreifender ist, als es die öffentliche Meinung über das Bloggen als textliche und bildliche Präsentation im Internet für gewöhnlich anerkennt.