24. Oktober 2013

Serienjunkies

Über die sogenannten Qualitätsserien



Nun hat also auch Breaking Bad – die in den letzten Monaten, vielleicht sogar Jahren am meisten diskutierte US-TV-Serie ihr mit Spannung erwartetes Finale erlebt. Vorhang zu und alle Fragen offen? Wochenweise wurden Spekulationen über das Schicksal der von Bryan Cranston gespielten Hauptfigur Walter White nicht nur in den schnelllebigen Internetforen gestreut, sondern auch im gehobenen Feuilleton diskutiert. Wie konnte es dazu kommen, dass eine TV-Serie, die nicht einmal auf einem prominenten Sendeplatz im frei empfangbaren deutschen Fernsehen gezeigt wird, einen eigenen Internet-Blog auf Spiegel Online haben durfte? 

Qualitätsfernsehserien (was für ein eigenartiger Begriff, als hätte es vor dem mit diesem Label bezeichneten Fernsehen keine qualitativ hochwertigen Stoffe gegeben) seien für das 21. Jahrhundert die Erzählform, die der Roman für das 20. Jahrhundert darstellte. Ausgerechnet das Fernsehen, jahrzehntelang für seinen weichgespülten Schrott kritisiert, in Verdacht, die Menschen zu verdummen, sie zu verfetten und zu alldem noch gewalttätig zu machen, soll die Diskurshoheit über die Frage erobert haben, was hohe (Erzähl-) Kunst sein kann und muss?

Es ist an der Zeit, etwas klarzustellen.

Es gibt eine Handvoll TV-Serien, fast allesamt aus den Vereinigten Staaten, die unser Leben verändert haben. Sie sind dermaßen klug konstruiert, feinsinnig erzählt und hervorragend gespielt, dass es kaum möglich ist, sich ihrer Wirkung zu entziehen. Ob man sich nun für Die Simpsons, Die Sopranos, The Wire oder Mad Men erwärmen möchte, spielt kaum eine Rolle: solche langlebigen und viel diskutierten, bis tief ins Alltagsleben der Menschen hineinwirkenden Ereignisse der Populärkultur gab es zwar schon immer, der Unterschied zu dem heute in seiner Naivität und Einfachheit geradezu rührenden Fernsehen vergangener Zeiten ist aber der Anspruch der Serienentwickler, ein gesamtgesellschaftliches Panorama zu kreieren, das die theoretische Offenheit der televisionären Form – praktisch ein endloses Band mit einer Fülle von Cliffhangern – nicht nur als Herausforderung annimmt, sondern reflexiv verhandelt.

Das Fernsehen hat sich längst selbst entdeckt und blickt sich verliebt im Spiegel an. 

Fernsehen soll süchtig machen. Es will die Menschen vor die Kiste ketten – und wenn diese sich nicht mehr anketten lassen, weil sie zu den Zeiten, wo es früher still um das Sofa wurde, um dem Flimmerkamin zu folgen, inzwischen etwas anderes zu tun haben oder ihre Zeit nicht konzentriert auf einen Gegenstand verwenden wollen, dann müssen andere Möglichkeiten her. Insofern ist der Sprung hin zum Qualitätsfernsehen mit seinen komplexen, abgründigen Charakteren, seinen selbstreflexiven Volten und Pastiches, seinen stets progressiv und manchmal ins Leere verlaufenden Handlungssträngen auch einer nach vorn. Dann lässt sich das Geld eben nicht mehr durch feste Sendeplätze, sondern durch DVD-Verkäufe oder neuartige Sendeprogrammierungen verdienen. Komplexität erscheint also auch als Antwort auf die mangelnde Konzentrationsfähigkeit der Fernsehzuschauer. Sucht wird ganz klassisch wieder dadurch erzeugt, dass Interesse an spannenden Figuren und aufregenden Narrativen geweckt wird. 

Doch ganz so einfach ist es nicht. Hatte das Fernsehen in analogen Zeiten noch die Macht, den Ausstrahlungszeitpunkt zu definieren, geht es ihm in den letzten Jahren mit Einfluss des Internets, der DVD und generell einem noch gar nicht abzuschätzenden Wandel der Arbeits- und Freizeitbedingungen allmählich verloren. 

Der Zuschauer entscheidet selbst, wann und vor allem wie er sich mit Geschichten eindeckt. Er sieht asynchron, alinear, sogar asozialer als früher. 

Wenn man bedenkt, dass Fernsehserien einmal gesellschaftliche Ereignisse waren, die Familien am Apparat zusammenkommen und Kollegen im Büro über am Vorabend erlebte Fernsehereignisse philosophieren ließen, dann ist der Unterschied nun der, dass die Fankulturen, die früher in der Minderheit waren und ein Programm im stillen Kämmerchen für sich heiß und innig liebten und mit wenigen Freunden diskutierten, zum Maßstab für das Entwickeln der neuen TV-Serien-Kultur geworden sind. Jede Peer-Group hat ihr eigenes Gesprächsthema – ihre eigene Lieblingsserie. Das Fernsehen kann es sich leisten, Programm für echte Fans zu machen (und nicht mehr nur für die unberechenbare Masse), denn es hat seine Zuschauer zu Junkies gemacht, die nach immer mehr Stoff gieren.