29. Mai 2012

Laufen

In der Früh, wenn schon nicht mehr alles schläft, sondern Autokorsos in Richtung Sonnenaufgang schlängeln, nehme ich allen Mut zusammen und marschiere zum Sandplatz. Ich habe schon längst begonnen zu laufen, bevor ich Hemd und Hose übergezogen habe. Der Geist ist voraus geflitzt und diktiert dem Körper, stolz alle Härchen aufzustellen. Eine Runde ist immer länger als die andere; vor allem die erste dehnt und streckt sich ins Unendliche. Die Schnürsenkel verknotet, die Waden noch eiligst verbreitert, dann geht es los. In kurzärmliger Ritterrüstung über die Straße – von den seufzenden Blicken der Pendler geleitet, nur wenige Schritte bis zur ersten Markierung. 

Die Vögel pfeifen zum Start und lassen sich das muntere Treiben gefallen, das sich in aller Frühe auf dem vom nächtlichen Regenguss leicht verquollenen Kiesbett noch aus größter Entfernung beobachten lässt. Ich könnte gehen, könnte joggen, könnte rennen, aber ich will laufen. Wenige Runden, mit Endspurt. Bevor die erste Runde gelaufen ist, denke ich schon an die letzte und an die verteufelte Qual, wenn es darum geht, überhaupt noch etwas Luft schnappen zu können und die müden Füße voranzutreiben. Auch wenn ich es nicht bemerken will, habe ich – noch bevor ich meinen von der viel zu kurzen Nacht steif gewordenen Körper zur Disziplin anhalte – meine Lungen in Stellung gebracht. Sie üben den tiefen Zug hinein und den hohlen Zug heraus. Die ersten Meter kann ich noch ohne Probleme durch die Nase einatmen. Schon mit der zweiten Runde versagt diese Methode. Dann schnaufe ich wie ein Nilpferd über den Platz, sauge die Luft in den Mund und stoße sie wieder aus. 

Gerne wird vom Glück des Langstreckenläufers geschwärmt, der nach allerhand Kilometern von Endorphinen überfallen wird. Auf dem Sandgeläuf bleiben die Glücksüberbringer aus. Sie laufen zwar Seit an Seit, und nach einigen Runden, in denen ich der Atemnot mit starkem Willen etwas entgegensetzen kann, halten sie mir auch den Staffelstab entgegen, aber es scheint mir so, als würde ich ihn, nachdem mich die frechen Boten zur Übergabe überholt haben, nicht mehr erreichen können.

Ich starre ins Leere und puste immer hilfloser. Freilich ein Prusten an der Grenze zur Lächerlichkeit. Eigentlich japse ich, drücke mechanisch ein „Jipha“ in die Brust hinein und brülle ein „Phüü“ heraus. Immer wieder, immer hilfloser. Die Beine werden schwer, schon deshalb, weil es in der letzten Runde um alles geht.

– Und es sollte immer eine letzte, eine entscheidende, eine ungebremste letzte Runde geben, sonst ist der ganze Weg zum Sandplatz völlig umsonst. 

Der Geist ist ganz felsenfest von seiner Aufgabe überzeugt, der Körper war es nie. Aber dann passiert doch etwas, das ich vor keinem Lauf erwarte und das doch immer wieder zuverlässig eintritt. Es ist der Grund, warum ich mich überhaupt freiwillig im Kreis bewege: Die Gedanken werden immer stiller. Sie sind fokussiert auf die Lunge, auf die Waden, auf die Füße, auf den Schweiß, der von der Stirn aufs Leibchen tropft. Und sie sind es gewohnt, nur ein Ziel zu sehen, und sonst nichts: das Ende, den Spurt. 

Der Spurt mutet dem Lauf keinen abrupten Schluss zu, sondern geht in einen Gang nach dem Lauf über, dessen einzige Aufgabe es ist, den hochgefahrenen und bis an die Grenze getrieben Leib wieder zurück ins Leben zu führen. Die Gedanken sind zum Stillstand gekommen. Irgendeine Art des Glücks, von der im Lauf noch keine Ahnung war, zwängt sich mir nun doch noch auf, wenn ich förmlich danach greifen kann, wie der Atem zurückkehrt; wie ich zunächst keuche, dann wie ein von der Hitze zerquälter Hund hechele und schließlich sogar wieder mit der Nase einzuatmen in der Lage bin. Dann, wenn ich eine weitere Runde gegangen bin, der Körper sich vor mildem Schmerze biegt und langsam die Automotorengeräusch der den Platz umgebenden Straße wiederkehren, weiß ich mich ein Stück weit glücklicher zu nennen – und für den Tag gerüstet.