10. Mai 2011

Über den Wert des festgehaltenen Live-Augenblicks


Live-Alben sind ein Ding der Unmöglichkeit. Bestenfalls erinnern sie an die Aura eines flüchtigen Moments, der nun einmal ein Konzert zu einem einmaligen Erlebnis macht. Meistens handelt es sich um gekürzte Rekapitulationen von mehreren zusammen geschnittenen Konzerten, die zumindest einen Eindruck von dem Live-Zustand eines Musikabends geben sollen. Das allein macht Live-Alben nicht zur Unmöglichkeit. Puristen könnten sich über die erst im Nachhinein produzierte Illusion eines Konzerts aufregen, aber der Umstand, dass zum Beispiel Songs dreier verschiedener Gigs zusammengekleistert werden, liegt in der technischen Natur der Dinge.  
Live-Alben sind aus mehreren, ganz unterschiedlichen Gründen zum Scheitern verurteilt.
Was ist denn die Aufgabe eines Live-Albums? Zunächst sollte es einen möglichst authentischen, transparenten akustischen Eindruck davon geben, wie eine bestimmte Band oder ein Musiker „live“, das heißt unabhängig von den Schönfärbereien der Studiotechnik, klingt. Das allein ist noch kein Problem. Es gibt unzählige wirklich gut aufgenommenen Live-Platten, die zu einem großen Teil auch die Energie hörbar machen, die einen großen Musikabend auszeichnet. Der Akzentuierung des Sounds kommt dabei eine besondere Funktion zu.
Anders als ein Bootleg, das zur nostalgischen Erinnerung (und zum Teilen des Augenblicks mit Freunden) mitgeschnitten wurde, muss eine Live-Platte geschliffen werden, um die Mehrdimensionalität des Raumklangs bestmöglich rekonstruieren zu können. Was wird wie abgemischt? Wie laut muss das Schlagzeug sein, wie präsent die Stimme des Sängers? Last but not least: Wie deutlich wird das Geklatsche und Gekreische des Publikums hineingemischt? Fragen, deren Beantwortung mit jeder Platte unterschiedlich ausfällt. Schon diese technische Auseinandersetzung mit der (nachträglichen) Klangproduktion macht deutlich, dass es sich bei der Live-Platte nicht um ein simples Kopierwerk handelt, das ein Konzert einfach wiedergibt.

Mit einer Live-LP wird ein Konzerterlebnis erst erzeugt. Für die Ewigkeit.

Es gibt nicht wenige Live-Alben, die aus verschiedenen Gründen einen Auftritt auf ein bestimmtes Zeitmaß zurechtstutzen. Es gibt gelungene Raffungen von Konzerterlebnissen, die tatsächlich eine kluge Auswahl von signifikanten musikalischen Höhepunkten versammeln. Es gibt aber auch grauenerregende Verhackstückelungen von eigentlich spannenden Live-Momenten, die zugunsten einer künstlich erzeugten Dramaturgie vollends zerstört werden. Zum Verbrechen wird dieser Prozess, wenn auch noch Songs gekürzt bzw. beschnitten werden, um sie auf Album-Länge zu bannen.

Oftmals wird einem Konzert auch deshalb Spontaneität geraubt, weil die unzähligen Pausen zwischen den Stücken, das angeheiterte oder eben kurzatmige Konversieren des Sängers mit dem Publikum und auch ein einmal angefangener, aber sodann abgebrochener Song einfach gekürzt oder herausgeschnitten werden. Sicherlich gibt es eine Dramaturgie der (Live-) Musikproduktion, die sich dem Ohr allein nicht erschließt. Die Kommunikation zwischen den Musikern, die ein Konzert durchaus zu einer überwältigenden Erfahrung machen kann, ist auf einem Tonträger nicht vermittelbar.

Die Aufgabe eines Live-Albums ist aber weitaus vielgestaltiger als nur einen bestimmten Klangkosmos für alle Hörer, die das Konzert nicht vor Ort miterleben konnten, zugänglich zu machen. Live-Alben sind auch Zustandsbeschreibungen von Musikern und ihrer Musik. Sie dokumentieren (bewusst oder unbewusst) Wert und Rang der musizierenden Künstler. Dabei kann die Live-LP einerseits als Zeitdokument fungieren, wenn die produzierte Musik zum Beispiel überraschend zum Soundtrack eines Ereignisses oder gar zur emotional verfärbten Musik einer Generation erklärt wird. Andererseits markiert eine Live-Platte, zumal in Zeiten erhöhter Aufmerksamkeit für authentische Einzelereignisse, die gewinnbringend vermarktet werden, auch den Stellenwert der Musik im Pop-Diskurs.

Ein großes Live-Album verkauft den einen besonderen, magischen Konzertabend als Ereignis, das so nicht wiederholt, tatsächlich aber durch eine Tonaufnahme immer wieder erhört werden kann.

Dabei spielen Zeit und Ort eine nicht zu vernachlässigende Rolle!

Es gibt bestimmte Konzertbühnen, die einen legendären Ruf genießen. Natürlich werden sie deshalb bevorzugt für Live-Aufnahmen genutzt. Doch spielt der Aufführungsort auch aus viel weniger werbewirksamen Gründen eine Rolle. Manche Veranstaltungsorte bieten einen hinreißenden Raumklang. Außerdem ist es kein Geheimnis, dass die Musik im Heimatland oder sogar Heimatort der Musiker eine ganz andere Dringlichkeit entwickelt. Dies einzufangen, ist eine der Aufgaben eines (gelungenen) Live-Albums.

Dem Zeitpunkt der Veröffentlichung einer Live-Platte kommt ganz besondere Bedeutung zu. Wird ein Konzertabend wenige Monate danach auf Platte verewigt, dann hat das Album einen völlig anderen Stellenwert als jene Live-Platten, die ein bestimmtes Konzert aus einer nahen oder fernen Vergangenheit mit der Veröffentlichung wieder zugänglich machen. Erstere Platte zementiert den (kontemporären) Status der Musiker als besonders talentierte Live-Künstler, zweitere ist nicht ohne die Popularität der Musiker beziehungsweise dem bereits existierenden historischen Wert der Aufnahme zu verstehen.

Manche wenige Live-Platten – und hier handelt es sich meist um die ganz großen – erscheinen genau zu dem richtigen Zeitpunkt. Sie markieren den Höhepunkt des musikalischen Schaffens einer Band oder eines Musikers, auch oder gerade wenn das erst in der Nachbetrachtung sichtbar und hörbar wird.

Andere Live-Alben sind Teil der (Veröffentlichungs-) Strategie eines Künstlers, der besonders viele Konzertaugenblicke zugänglich macht, um die Komplexität aber auch Varianz seiner Live-Musik auszustellen. Hier können einzelne Live-Aufnahmen gerade im Vergleich mit den anderen Live-Platten des jeweiligen Künstlers an Wert gewinnen. Vergleichswert ist hier weniger die Eindrücklichkeit des Konzerts selbst als vielmehr die unterschiedliche Qualität der Live-Platten an sich.

Es gibt auch einige wenige Live-Kompilationen, denen es zusätzlich gelingt, die Entwicklung einer Band, mithin sogar ihren musikalischen Duktus, auf einer Live-Platte erlebbar zu machen. Die Größe eines solchen Albums definiert sich dann dadurch, dass hier besonders eindringlich Steigerung und Höhepunkt musikalischer Ausdrucksmöglichkeiten nachvollziehbar gemacht werden. Der Anspruch eines solchen Formats des Live-Albums unterscheidet sich sehr von jenen, die „lediglich“ ein Konzert rekonstruieren wollen. Diese Alben gewähren über den Live-Eindruck hinaus Einblick in den Schaffensprozess der Musiker. Das ist das Höchste, was ein Live-LP erreichen kann.

Nur sehr wenige Live-Platten sind für die Musikgeschichte, über ihren prätentiösen Wert als Konzert-Version eines bestimmten Musikerklangs hinaus, von Wert. 

Einige Platten haben es (nicht immer gerechtfertigter Weise) zu legendärem Status gebracht. Hier hat die nachträgliche historische Einordnung oft entscheidend mitgeholfen.
Natürlich spielt auch die Entwicklung der Aufnahmetechnik und ihre (digitale) Nachbearbeitung eine große Rolle. Der Sound mancher Live-Platten ist vollkommener, als er jemals im Konzert gewesen ist. Auch die unterschiedlichen Gattungen der Musik verlangen eine andersartige Einordnung der Live-Platte. Die Konzertaufnahme eines Free-Jazz-Konzerts muss gegenüber der standardisierten Konzertpraxis einiger megalomanen Rockbands völlig anders gewichtet werden.

Einen Nachteil haben aber alle Live-Platten dieser Welt: Sie können den Zauber eines großen Konzerts, die Teilhabe an der Musikschaffung, niemals ersetzen.