28. Januar 2009

Progressiv, transzendental, poetisch

Antony And The Johnsons: The Crying Light

Antony und seine Johnsons sind gefährlich. Antony ist Romantiker im Geiste und Naturphilosoph im Herzen. Und er ist der wohl auffallendste Künstler unserer Tage. Mit I Am A Bird Now thematisierte er meisterlich und vor allem ganz körperlich, von seiner grandiosen Stimme getragen, den Konflikt zwischen Weiblichkeit und Männlichkeit, der sich ihm schon von Geburt an stellt. Today I’am a boy, today I’am a girl, sang dieser androgyne Weltgeist und formulierte so die drängenden Identitätsfragen einer Welt, der gerade alle Wahrheiten über das Sosein der Geschlechter abhanden gekommen sind. Alles ist intersexuell. Mit einer niemals aufdringlichen Ehrlichkeit erzählt er von der tiefen aber zugleich grundehrlichen Traurigkeit seiner Existenz.

Die eigentliche Besonderheit ist aber nicht Antony, obwohl er in der über alles Persönliche oftmals hyperventilierenden Pop-Presse allein durch seine Extravaganz im Lichte der Aufmerksamkeit stehen müsste, sondern seine außergewöhnliche, männlich-weibliche, zittrige Jahrhundertstimme. Sie ist zu etwas in der Lage, das heute eine große Seltenheit geworden ist: sie rührt. Sie berührt, ohne rührselig zu sein, ohne geschmacklos gefühlig zu wirken. Dabei verwandeln sich seine Songs zu sensiblen Kunstliedern, die Romantisches, Schubert, die Winterreise, nicht verhehlen können, aber auch nicht mühselig darauf verweisen müssen. Ohnehin entfernen sich diese kammerspielartigen Preziosen weit vom gängigen Popsongschema. Sie vergreifen sich nicht an einem pompösen vielköpfigen Orchester, um zu gefallen und klassische Tradition zu behaupten. Sie sind im Gegenteil souverän in ihrem Einsatz der musikalischen Mittel: sanft gleiten Flöten, Geigen, selbst eine lärmende E-Gitarre durch die Lieder und verbinden sich zu einem organischen Ganzen. Dem sterilen Popalltag, gefangen zwischen Pseudopostpunk und Freak/Weird/Sonstwas-Folk, gewinnen sie eine Leerstelle ab, die sorgsam mit tatsächlich Gefühltem befüllt wird.

Antony singt von dieser Welt, weil er sich um sie sorgt. Dass dies in einem utopiemüden Zeitalter nicht einen Moment kitschig wirkt, macht das, was er singt, nur umso bedeutsamer. Das neue Album heißt The Crying Light. Ein Song daraus, vielleicht der intensivste, nennt sich Another World – und das ist ein Postulat. Hinter den so einfach anmutenden Worten versteckt sich eine subversive Forderung, die sich weit über das Gefrömmel der meisten Gutmenschen hinausstreckt. Dieses Album sinniert über ein unbedingtes Mitleid, das verloren scheint und zurückgewonnen werden muss. Kein Ja zur Veränderung, sondern ein unbedingtes Ja zu einer Erneuerung des Menschen. Wenn Antonys Musik eines nicht ist, dann naiv. Jeder Song gleicht einem stillen Gebet und ist Schrei nach Licht und Hoffnung.

Grandios instrumentiert und von einer cineastischen Atmosphäre getragen, sind die 10 Angebote auf dieser Platte vor allem Trauerspiele: klagend, verheißungsvoll und immer zwischen Ekstase und Traurigkeit. In Zeiten von sich im emotionalen Elend einrichtender Popmusik, die das Depressive missmutig betanzt, sind die Klänge Antonys eine schockierende Erfahrung. Sie wollen nicht kollektive Schwermut befördern, um sich in der Düsternis behaglich einzurichten. Die Modetristesse unserer Tage ist Antony so fremd, weil er mit seiner Musik wirklich anrühren will. Seine Rührung will bewegen, zur Veränderung aufrufen. Keine verschämten Tränen! Diese Musik will Kontemplation und Konzentration – auf das Wesentliche und den Kern des Seins. Das hier ausgerufene Mitleid ist nicht nur Gefühlsbehauptung, sondern eine zutiefst intellektuelle Fähigkeit. Wir haben die Sprache der Natur verlernt, flüstert Antony. Wir sind nicht mehr in der Lage die Symbole unserer Umwelt zu lesen. Darüber leidet Antony mit seinem Werk. Wir wollen und können das Andere (das andere Geschlecht, das andere Lebewesen, die andere, so fremde Natur) nicht mehr verstehen. Wir sind von Paradies endgültig ausgeschlossen. Antonys Utopie aber ist eine introvertierte, aus dem eigenen inneren Garten vorgetragene Meditation über das Paradies.

Wenn Antony uns nun (be-) rührt, dann will er uns zum Mitleiden verleiten – um das Verschwinden der Natur, der Seele, des Geistes in unserer Welt zu erkennen.
Dies ist nichts anderes als der weibliche Blick einer Fürsorge um das, was den Menschen bestimmt und angeht.

Ein solcher Gedanke ist heute nichts anderes als utopisch und unerhört subversiv!