7. Juli 2008

Der Extrovertierte
Eine Polemik

Er lächelt, lächelt, lächelt. Man kann ihn nicht kennenlernen, denn er hat einen schon längst kennengelernt. Was er einem erzählt, ist nicht wichtig. Er meint es sowieso nicht ernst – obwohl er schon alles aus seinem Leben erzählt hat, während man noch seine Gedanken sortiert. Die Rede ist vom Extrovertierten. Aber damit meine ich nicht den spontanen, ohne Nachdenken handelnden, risikobereiten, geselligen, lebhaften, selbstbewussten extrovertierten Menschen. Nein, nicht um das Temperament, um einen Typus geht es, den unsere Gesellschaft mutwillig erst erschafft.

Man muss sich den Extrovertierten als einen unglücklichen Menschen vorstellen.
Sein gesamtes Leben ist darauf ausgerichtet, sich selbst zu wichtig zu nehmen. Seine Meinung ist die erste, die bedeutendste – und seine Stimme lodert stets am lautesten. Stille würde dieses arme Würstchen, das sich nur in der Masse wohlfühlt, überfordern, ja vielleicht sogar umbringen. Der Extrovertierte tritt in verschiedenen Verkleidungen auf, doch überwiegend ist er der Dummschwätzer, dem man am liebsten den Mund verbieten würde. Er weiß alles und hat auf alles eine Antwort parat. Sein Äußeres ist ihm extrem wichtig; er kleidet sich dabei eigenwillig, modebewusst, stilprägend. Er ist der Stil, das vermittelt er lauten Wortes.
Oft trifft man diese nicht mehr seltene Spezies in medial vermittelbaren Berufen. Wenn man behauptete, die Werbeindustrie würde ihn erst kreieren, dann ist das nicht komisch, denn in jedem ewigjungen Werbeunternehmen gibt es einige von seiner Sorte.
Vor der Kamera aber werden sie erst so richtig warm, die Extrovertierten. Doch leider sind sie nicht nur dort zu finden. Schön wär’s!

Der Extrovertierte ist eine gebrochene Persönlichkeit. Mitleid kennt er nicht, Lob braucht er zum Leben – Kritik perlt an ihm ab wie Regentropfen an einer Fensterscheibe. Aber wehe er ist anderer Meinung. Der Extrovertierte teilt gnadenlos aus. Seine Kritik muss die deutlichste und härteste sein, sonst wäre er nicht zufrieden. Überhaupt: Ständig behauptet er, dass er unendlich zufrieden sei. Der Extrovertierte ist ein chronischer Optimist ohne jegliche Skepsis im Blut. Ihn zweifeln zu sehen käme einem Naturereignis gleich. Insofern donnert sein Urteil über all jene mickrigen Kreaturen hinweg, die sich erlauben, die Welt nicht in den hellsten Farben zu sehen. Wehe aber die Trauer kommt über dieses bemitleidenswerte Geschöpf. Mit ungeduldiger Grausamkeit wandelt dieser Geselle im Betrieb des aufgesetzten Fröhlichkeitsmarketings seine Traurigkeit in betrübliche Aggressivität. Ihm so zu begegnen kann gefährlich werden. Dann sollte man lieber schweigen. Aber schweigen sollte man nach seiner Meinung eigentlich immer. Der Extrovertierte liebt das letzte Wort. Es muss ihm gehören; er feilscht darum – es ist seins!

Um sich der Aufmerksamkeit sicher zu sein gehört ein Schockeffekt immer dazu. Der Extrovertierte ist bevorzugt laut. Seine Rhetorik ist präzise, kontrolliert und äußerst zweckgebunden. Theater, TV-Shows, Universitäten – überall gibt es Podien für diesen ungehobelten Clown. Demut ist ihm fremd, aber er kann sie sich auch auf die Brust schreiben, wenn es verlangt ist. Seine größte Stärke ist die Anpassung. Was verlangt ist, erfüllt er mit solcher Leidenschaft, dass kaum bewusst wird, wie abwesend er eigentlich seine Arbeit verrichtet. Dabei muss er stets geschäftig erscheinen. Mit ihm zusammenzuarbeiten ist eine furchtbare Sisyphosarbeit. Man möge davon verschont bleiben.

Was der Extrovertierte hat – man muss ihn da einfach lieb gewinnen, obwohl er es nicht verdient –, das hat er. Keiner pflegt sein Eigentum so sehr, präsentiert es inbrünstiger einem Publikum, das sich schon längst abgewandt hat. Leider scheint es niemanden zu geben, der den Extrovertierten von der Bühne vertreiben kann. Er steht schon dort, bevor der Vorhang aufgezogen wird, und er wird als letzter dort stehen, wenn er wieder fällt. Er muss. Vielleicht wird er von irgendeiner Triebnatur gedrängt, Aufmerksamkeit zu erhaschen.
Witzigerweise ist er von zarter Freundlichkeit. Vielleicht ist er sogar der freundlichste, potenteste, patenteste Mensch, dem man je begegnet. Hauptsache, man gerät nicht in die Gefühlswelt dieses fragilen Spinners. Dort lebt es sich schlecht. Im Vergleich zu seiner aufwendig gepflegten Oberfläche sieht es in seiner Seele düster aus.

Der Extrovertierte ist ein bipolarer Typ. Früher kannte man ein altes Sprichwort: Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Der Extrovertierte ist beides in einem – sichtbar ist aber nur noch das erstere, das sich so schön verkaufen lässt. Der Tod wütet unter der Haut – und dort nur umso stärker.

Man verzeihe mir das Wort, aber der Extrovertierte ist ein verdammter Arschkriecher. Überall dort, wo Autoritäten ihr Unwesen treiben und nach jemandem suchen, der all die niederen Arbeiten für sie erledigen könnte, ist er zur Stelle. Bis zur Selbstaufgabe ist er hier präsent – gar lächerlich macht er sich, wenn ihm nur die Chance erlaubt ist, seine Kompetenzen zu beweisen. Was liebt man ihn in Assessment-Centern (er erfindet solche gruseligen Wörter!), wie begehrt man ihn in Klassenräumen unserer Schulen, wie sehr benötigt man seine Grandezza auf öffentlichen Plätzen. Er ist dauerpräsent und kann auch gar nicht unpräsent sein. Ein Aufmerksamkeitspriapismus verfolgt ihn.

Würde ist ihm aber das größte Fremdwort. Immer wieder muss er sich selbst und all das, was ihm heilig sein sollte, wenn er so etwas wie Selbstwahrnehmung hätte, aufgeben, um das hervorzuheben, was gerade en vogue zu sein scheint. Das gilt für jedes Metier, jede Vorstellung, sogar jegliche Ethik. Heute ist er für, morgen gegen die Todesstrafe. Ihm ist es egal, hauptsache, er kann seine Meinungsfähigkeit präsentieren. Der Extrovertierte steht nur noch für das Meinungmachen, nicht mehr für eine Meinung.

Aber ein wenig muss man dieses dröhnende, nervige Wesen in Schutz nehmen. Es wird ja gewünscht und verlangt. Der Extrovertierte murrt nicht, er macht und ist deshalb das perfekte Medium für die giftige Ideologie des Neokapitalismus. Er sieht nicht die vielen Augenroller um ihn herum (und will sie auch nicht sehen); er erkennt nicht mal dieses Stöhnen nicht weit von ihm, das ihn begleitet wie sein Lieblingswort: Ich.
Für ihn werden I-Pods gebaut, für ihn wurde das Wort Comedian erfunden, für ihn sendet Anne Will, für ihn gibt es Internetforen, für ihn existiert alles nur für ihn. Immerhin eine Gnade ist ihm vergönnt: Er weiß nichts von seinem Unglück, weil er viel zu sehr beschäftigt ist, den Menschen das Gegenteil zu vermitteln.

Ja, ja, der Extrovertierte ist das Lieblingskind einer völlig entfremdeten Wirtschaft und Kultur. Zumeist ist er männlich, oft hört er auf Namen wie Götz, schmächtig ist er nie, alt- und überklug aber schon; Scham kennt er nicht - dafür sitzt seine Frisur perfekt, und eigentlich muss man ihm auch Originalität bescheinigen: In einer anderen Welt wäre er schon längst der Lächerlichkeit preisgegeben – heute ist er der König der Welt. Davon ist er jedenfalls überzeugt.