12. Mai 2014

Fragmente einer Sprache der Liebe (4)

Weitere notwendige Gedanken über das Bloggen


Ich habe Angst vor meinen eigenen Worten. Nach so vielen Jahren habe ich auch den Überblick über sie verloren. Sie sind ein wenig von mir befreit. Zugleich sind sie aber jederzeit zugänglich, nur einen Mausklick entfernt. Dabei ist manches veraltet, anderes längst um die Ecke gebracht, vermodert, nutzlos geworden. So viele Peinlichkeiten, stilistischer, gedanklicher Art, die es zu löschen gölte. Aber fußen Vertrauen und Authentizität nicht auf der Vorstellung, dass jemand auch morgen noch der ist, der er heute zu sein vorgibt? Oder für die gleißend-bunte Welt der Gedanken: Muss nicht nachvollziehbar bleiben, warum einer heute so und morgen anders denkt? Und so bleiben die Peinlichkeiten, so schwer sie auch zu ertragen sind, bestehen. Tyrannei einer Intimität, die dennoch ganz skeptisch ihre eigene Auflösbarkeit vor sich her trägt. 

Ich will nicht aus meinem Leben erzählen, auch wenn ich nach heutigem Verständnis und mit Rückblick auf manche Beiträge schon zu viel erzählt habe, was nicht in die digitale Öffentlichkeit gehört. Es ist wichtig, die Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit neu zu ziehen, denn nur so kann das, was wir gemeinhin Intimität nennen, gedeihen. Diesem Kampf um das, was berührt, was unter die Haut geht und daher geschützt gehört, widme ich meinen Blog. Längst hat sich aus diesem Bemühen, das sich mit jedem Jahr, da der digitale Wandel voranschreitet, verschärft, eine Selbstzensur herausgeschält, für die ich auch große Scham empfinde. Sie verhindert, dass ich deutlicher werde. Sie gibt mir das Gefühl, dass tausend Augen auf meine Worte blicken und sie verstrahlen. Es ist nur ein Albtraumgedanke fernab der Realität. Aber er fließt ein in meine Ideenproduktion, die sich um Fortschrittsglaube und Zukunftsangst genauso bemüht wie um die luzide Form eines Sprachspielmeers, das mit Überraschungsfaktoren im Sinne einer musikalisch-rhythmischen Fortentwicklung über den Alltag hinwegrauschen will, um ihn dann, von Schmutz und Furcht bereinigt, wieder neu zu errichten. 

Ich konnte dabei oftmals gar nicht verhindern, dass dieser Blog sich ganz ungewollt zu einer Meta-Reflexion über das digitale Leben wandelte, das weniger den Erfahrungen eines praktischen Lebens huldigt, sondern vielmehr die spannungsgeladenen Kunststückchen einer stets präsenten Medienkultur verhandelt. Das geschieht nicht nur aus Verlegenheit, sondern auch, weil der stete Augendruck, stets auch nichts zu verpassen, sich nur noch mustergültiger, vollendeter unterhalten (oder zerstreuen?) zu lassen, zu einer moralischen Kategorie gereift ist, die ihrerseits wieder eine Melancholie hervorruft, die eher dem schaumigen Gedankenverließ der Depression zuzusprechen ist. Auch das ist Aufgabe der vielen Essays, die sich hier finden lassen: Den Unterschied zwischen der hellsichtigen Melancholie und der sprachlosen Depression offenbar werden zu lassen. Auch das ist eine Glaubensfrage – denn damit nehme ich eine Position ein, der man ohne Probleme den Ast hinweg sägen kann, auf dem sie sich breit gemacht hat. 

Doch das muss die Existenzberechtigung fürs Bloggen sein: Mit tausend Händen in die Welt zu fahren, nicht wie ein verschämter Tagebuchautor (der im Privaten agiert und nicht in der digitalen Öffentlichkeit!), sondern wie ein Essayist, der sich seinen Gedankenspaziergängen bewusst ist, in einer zunehmend bewusstloseren Welt Haltung zu finden versucht. Das heißt auch, dass er Halt finden will, sich der Schwerkraft bewusst ist, die auf ihm lastet. Ja, das Bloggen ist der Versuch, nach einem Rettungsring zu greifen, um dem Ertrinken zu gehen. Es darf kein narzisstischer Einfall in eine Spiegelwelt sein, in der alles so schön leuchtet und an jeder Kante nur das eigene Ich wartet. 

Wichtiger ist, mit der Welt in Kontakt zu treten, sie zu beschreiben, um sie zu verändern; sie zu durchdenken (und vor allem: zu erfühlen!), um sie zu ergreifen. Spricht man im Zusammenhang mit den Blogs von einer neuen Daseinsform des Journalismus, dann bitteschön: 

Das Bloggen ist eine hypermoderne Form des Journals, unabhängiger, (selbst-)reflexiver, bunter, einfallsreicher – und doch gar nicht zu denken ohne die traditionellen, seriösen Buchstabenmaschinen, die nachwievor den Zustand der Welt zergliedern. 

Noch ist das Bloggen nur ein manchmal dröges, hin und wieder aber aufregendes Kommentieren einer alten Welt, deren Untergang man gekommen sieht, deren Neuordnung aber in eine unbestimmte Zukunft verschoben wird, weil der Anblick der feuerroten Wolken am Katastrophen-Himmel alle Zeit auffrisst und ach so hinreißend ist. Und so ist das Bloggen auch (noch) nichts anderes als ein melancholisches Zerfließen der Zeit mit Worten, die viel zu selten Konsequenzen haben.