20. November 2013

Serienjunkies (4)

Über sogenannte Qualitätsserien


Am Ende sind es doch sehr wenige TV-Formate, die mit der DVD-Zweitverwertung oder der Internet-Drittverwertung große Gewinne machen. In der Regel handelt es sich um durchaus geschickt variierte Neufassungen altbekannter Narrative, die nach wie vor die gleichen Themen beackern wie im alten Jahrtausend. Noch immer geht es um konservative Modelle von Freundschaft, Liebe und Familie. Besondere Berufsfelder wie Mediziner, Kriminalkommissare (oder eben Gerichtsmediziner) oder auch Pädagogen, unter denen sich die meisten Menschen etwas vorstellen können, stehen im Zentrum.

Und wenn es auch um Physiker oder Politiker gehen sollte – noch immer wird weniger die eigentliche Arbeit der Menschen geschildert als vielmehr ihr unbeherrschtes Privatleben. 

Vor allem bedienen sich selbst die großen Qualitätsserien fast aller Formate bei den üblichen Geschlechterbildern, so dass es Breaking Bad oder Sex And The City, Mad Men oder Desperate Housewives trotz ihrer unbestreitbaren erzählerischen Finesse deshalb zu Ruhm bringen, weil sie eindeutige Angebote an ihre Zielgruppe machen, sei es durch bestimmte Genrenormen oder durch die besondere Präsentation der Figuren. Außergewöhnliche Formate, die sich diesen Vorstellungen widersetzen, auch einmal mutig Identitätsmodelle und Gendervorstellungen diskutieren, gibt es durchaus, sie bleiben aber Mangelware oder auf den hinteren Präsentationsplätzen versteckt. 

Man nehme nur einmal die herausragende HBO-Serie In Treatment. Über mehr als 40 Folgen wird dort, nach dem Vorbild einer israelischen Serie, in einer Serienstaffel im Grunde nur an einem Ort (nämlich dem Therapeutenzimmer eines Psychologen) jeweils in 20 Minuten eine Sitzung mit einem Klienten geschildert. Dabei folgen jeweils 4 Sitzungen mit verschiedenen Patienten, bis in einer fünften Sitzung der Psychologe selbst in einer Art Supervision seine Handlungsspielräume von einer ihm wohlbekannten Psychologin überprüfen lässt. Der fiktive Tempus-Bogen einer Woche setzt sich fort, so dass nach den fünf Folgen einer Woche in der nächsten Woche mit den Folgen 6-10 die gleichen Paarungen wieder zusammen kommen und sich über den Rahmen einer Serienstaffel ein komplexes Figuren- und Problempanorama entspinnt, das durch die minimalistische Form des Serienformats (wenige Schnitte, kaum Musik-, dafür großer Dialogeinsatz) noch an Dramatik und Dichte gewinnt. Das Scheitern der Ehe des von Gabriel Byrne mit beeindruckender Ruhe gespielten Psychologen spielt genauso eine Rolle wie die vielen im Therapieverlauf auftretenden Spannungen zwischen Therapeut und Klient. Hier überwindet sich das Fernsehen selbst, erinnert sich an seine Ursprünge und versucht sich durch die stille Konzentration auf das Wesentliche selbst von seiner erschreckenden Erzähllastigkeit und Effekthascherei zu befreien.

Es muss kaum erwähnt werden, dass selbst der vermeintliche Kultursender 3sat an der Aufgabe gescheitert ist, dieses exzellente TV-Format an den Zuschauer zu bringen. 

Die erste Staffel wurde versucht nach amerikanischem Vorbild beinahe täglich auszustrahlen (das sollte wohl den Suchtbedürfnissen der Zuschauer Rechnung tragen), aber anstatt dies, wie beim Haussender HBO, auch konsequent durchzuziehen, wurden dennoch Doppelfolgen gezeigt, so dass der eigentlich intendierte Zeitrahmen völlig zerfloss. Die Lehre, die man daraus zog: Die zweite Staffel von In Treatment bekam nur noch eine Ausstrahlung pro Woche und das zu später Stunde.