4. November 2013

Serienjunkies (3)

Über sogenannte Qualitätsserien


Stehen nicht auch die vielen weltweit verstreuten Fernsehsender der ganzheitlichen künstlerischen Vision der neuen Qualitätsserien im Weg, wenn sie völlig ungeniert und ihrem (Einschaltquoten-) Erfolg gemäß ganze Serienstaffeln auseinanderreißen und wahllos das Programm aus kaum mehr zueinander in Beziehung zu setzenden Episoden bestücken, wie das zum Beispiel in Deutschland mit beliebten Stoffen wie Dr. House, CSI oder Sitcoms wie Two And A Half Men und Big Bang Theory geschieht? Ist es nicht auch schädlich, wenn das Fernsehen auf das vom Zuschauer angenommene Rezeptionsverhalten reagiert und ganze Serienstaffeln – wie bei Game Of Thrones oder The Walking Dead – an einem Wochenende oder gar in einer Nacht versendet? (Wie muss man sich diese Endlosnächte vorstellen, wenn bei unendlicher Kaffeezufuhr heruntergeschaut wird, was auch wochenlang in Ruhe und mit voller Konzentration gesehen werden kann? Man stelle sich nur vor, drei Filme von Godard oder Bergman am Stück zu sehen…) Wird man hier der Verantwortung gegenüber den Herrscharen an kreativen Schreibern und Serienproduzenten gerecht, die man als produzierendes oder distribuierendes Organ im großen Verwertungskreislauf der neuen Medien natürlicherweise inne hat? Was jeden Tag gesehen werden kann, wird in mühevoller Kleinarbeit in einem für die meisten Zuschauer kaum ersichtlichen Produktionsprozess hergestellt.

So wie der Autor eines Romans erwarten darf, dass seine Leser ähnliche Anstrengung auf das Lesen verwenden wie er auf das Schreiben, so wäre es nur richtig, wenn auch die Fernsehanstalten den Zuschauer nicht zum ewig nach Nachschub quengelnden Konsumsäugling heranziehen würden.

Letztlich ist das auch ein Schuss ins eigene Bein, denn der Zuschauer, gequält vom eigenen Suchtkreislauf, bestraft durch geringe Aufmerksamkeit oder schnellen Ausstieg aus dem Programm. 

Stimmt es denn eigentlich, dass die von Kritikern innig geliebte, an jeder feuilletonistischen Ecke beworbene TV-Ware tatsächlich geguckt wird? Schauen sich nur Journalisten und Programmmacher Mad Men und 30 Rock an – oder warum laufen sie nicht auf prominenten Sendeplätzen? Werden die massenweise verkauften TV-Serien, wenn es sich nicht gerade um auch im Fernsehen beliebte und auf prominenten Sendeplätzen versendete Programme handelt, auf dem heimischen Sofa gebannt verfolgt, oder wandern die Qualitätsserien ins Regal wie die zu Weihnachten verschenkten Qualitätswälzer aus der noch eilig vor dem Feste aufgesuchten Buchhandlung? Worin bemisst sich eigentlich die Relevanz der als hochwertig und künstlerisch wertvoll angepriesenen TV-Serien, wenn 30 Jahre nach der Ausstrahlung mit großer Verehrung und Liebe auch von Bonanza oder Dallas gesprochen wird, die unter den Maßstäben, die inzwischen angelegt werden, kaum als Qualitätsfernsehen zu gelten haben? Wird man in 20 Jahren von Tony Soprano und Walter White als den großen Mythenfiguren des Erzählrepertoires der Populärkultur des frühen 21. Jahrhunderts sprechen? Oder gar von Fox Mulder, Dexter, Homer Simpson oder Carrie Bradshaw?