31. Oktober 2013

Serienjunkies (2)

Über die sogenannten Qualitätsserien


Welche Folgen hat es, wenn das Fernsehen am laufenden Band mit Erzählstoffen geflutet wird? Immer mehr Serien verschreiben sich einer progressiven Erzählweise, das heißt, sie erzählen eine Geschichte, die über mehrere Folgen sich fortentwickelt und vom Zuschauer bedingungslose Aufmerksamkeit verlangt. Verpasst er eine Folge, dann findet er vielleicht nie wieder zurück in den Serienkosmos. Hat man sich hier nicht ausgerechnet auch beim trivialen Vormittags- und Vorabendformat der Daily-Soaps und Telenovelas bedient, die wie ein sich endlos weiterspulendes Band keinen Anfang und kein Ende kennen und mit dem Ende jeder Folge einen verzweifelten Cliffhanger setzen, um auch zum nächsten Einschalttermin wieder mit den gleichen Zuschauern rechnen zu können? Oder fallen die von den Autoren geschickt gesetzten Duftmarken und kleinen narrativen Eingangstüren nicht mehr auf, die trotz aller vorwärtsgerichteten Erzählhaltung (gerne auch mit Sprüngen durch die Zeit- und Raumebene) immer wieder den Weg zurück weisen – um den Zuschauer nicht vollends allein zu lassen?
 
Nein, so klug und intellektuell versiert, so selbstsicher die neuen Fernsehserien auch auftreten, sie haben sich nicht von der Allmacht der Plotpoints und Cliffhanger-Logik befreit.

Die großen Erzählexperimente, die immer auch Bild- und Ton und Erkenntnisexperimente sind, liefert das Fernsehen (noch) nicht. Da ist das inzwischen im Vergleich mit den Sopranos, The Wire, Sex And The City, Girls und The Walking Dead angeblich innovativ ins Hintertreffen geratene Kino trotz allem immer noch einen Schritt voraus. Zumal der Mut, auch mit raumgreifenden und zeitstreckenden Aufnahmen wie sie vielleicht bei Antonioni, Tarkowskij oder Bresson zu finden sind, ihre Entsprechung genauso wenig gefunden haben wie der tollkühne Bilderfuror eines Fellini oder das surrealistische Rauschen von Luis Bunuel. 


Ist es nicht ein perfider Vorwurf, das man dem Kino macht, wenn man seine vergleichsweise kurze Spielzeit – sein unverschämt geringer Zeitraum zum Etablieren von Figuren, Erzählsträngen und Handlungsorten – den staffelübergreifenden Panoramen der Qualitätsserien gegenüberstellt? Dass die TV-Serie hier der literarischen Form des Romans gleicht, während das Kino eher als Kurzgeschichte verstanden werden muss, ist als Argument reichlich billig. Zwingt sich das Kino nicht, dem Theater ganz ähnlich, zur formalen Strenge, weil es sich selbst beschränkt? Kann es nicht auch zu viel von allem geben? Zu viele Figuren, die sich gegenseitig die Luft zum Atmen nehmen? (Hat nicht Robert Altman mit seinen Ensemblefilmen wie Nashville oder Short Cuts bewiesen, dass er in relativer Kürze 20 oder mehr Figuren so sehr zum Leben erwecken kann, dass man an ihrem Schicksal innerhalb eines Kinofilms tief bewegt teilnehmen kann?) Zu viele Handlungsstränge, die einander gegenseitig infrage stellen wie in der bemerkenswerten Serie Lost – und trotzdem ein großes inhaltliches Ganzes nur behaupten?