29. Juli 2013

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Facebook - eine Stilkritik


Facebook ist paradoxerweise eine Kommunikationsmaschine, in der jedes eingeworfene Zeichen sofort in kommunikatives, teilbares und schnell konsumierbares Material verwandelt, trotzdem aber jeden Versuch einer angemessenen Konversation auf Anhieb zerstreut wird. Es herrscht die Diktatur der Kurznachrichten, wie sie von der geliebten SMS geprägt worden ist. Twitter hat sie dann endgültig zum gehetzten Buchstabensalat heruntergebrochen. Alle Nachrichtenfenster sind darauf ausgerichtet, schnell Kurzes mitzuteilen. Obwohl keine Textbegrenzung ausgegeben wird, sorgt schon die Unterbrechung eines Textflusses durch die Miniaturdarstellung des Texteingabebereichs für den Zwang, die Schreibarbeit so rasch es geht zu einem Ende zu führen. Und dann gibt es auch noch keinerlei Unterscheidung in der Größendarstellung zwischen belanglosem Kurzaustausch und stundenlangem Plausch. 

Das soziale Netzwerkeln scheint nicht nur für Geheimdienste eine Jahrhundertchance zu sein, die willfährige Masse ohne große Mühen zu kontrollieren, sondern es bietet Soziologen, Psychologen und Kommunikationswissenschaftlern quasi zum Nulltarif die Möglichkeit, Einblick in die geheimnisvollen Bedingungen menschlicher Kommunikation zu nehmen. Doch was kommt dabei heraus?

Facebook hat eine Zeichensprache der Geschäftigkeit etabliert, die immerzu auf Vorwärtsbewegung ausgerichtet ist.

Es gibt kein Zaudern mit der Sprache, kein Problembewusstsein für gescheiterte Gespräche. Alles ist im Fluss und dient nur dazu, auf die nächsten Ereignisse zu verweisen. Bits und Bytes kurz vor dem Burnout. 

Es mag im Vergleich zu anderen sozialen Netzwerken und überhaupt zu fast allen anderen For(m)en menschlicher Kommunikationsfreiheit im Internet bei Facebook eine unglaubliche Optionsvielfalt geben, sich selbst auszudrücken. Dabei kann jeder selbst entscheiden, was er wann wie und wem anvertrauen will. Weil diese aus den Bedürfnissen der durchaus verunsicherten und im Grunde dem System durchaus skeptisch gegenüberstehenden Masse (in Wahrheit sind das die Menschen weit über 30, die ihre Jugendzeit schon dadurch verlängern wollen, dass sie mit jenen kooperieren, die immerzu Austausch halten können, weil sie eben Zeit dazu haben – allerdings steht dieser Generation 30+ kaum die Zeit zu, die sie mit Facebook verschwendet, und das führt dann genau zu der allerdings immer noch milden Skepsis, ob die Zeit, die auf Facebook verbracht wird, nicht doch eine verlorene ist) entstanden sind und als Optionen verfügbar bleiben müssen, entsteht ein ästhetisches Problem ganz von selbst: Wie verstecke ich die vielen Eigenschaften und Einstellungen, so dass sie zwar noch auffindbar sind, aber trotzdem nicht ständig ins Auge stechen? 

Schließlich soll der Nutzer mit der Anwendung Facebooks keine Arbeit verbinden (obwohl es genau das ist), sondern Vergnügen. Die Folge ist ein Wirrwarr aus halbwegs selbstverständlichen Symbolen und kleingekürzten Gebrauchsanweisungen, die eine Navigation durch das soziale Netzwerk eher erschweren als erleichtern. Wer will sich mit diesem How-To-Do-It-Wust auseinandersetzen? Dazu kommt noch, dass sich die Optionen, was man bei Facebook machen darf – und in letzter Zeit immer mehr: was Facebook mit einem Profil zu machen in der Lage ist – wochenweise vermehren. Ein kurz aufleuchtender und dann für immer verschwindender Button weist darauf hin.