17. November 2010

Zeitenwende (10)

Vor nicht allzu langer Zeit fragte man sich noch scherzeshalber, ob man arbeite, um zu leben oder ob man lebe, um zu arbeiten. Die Frage ist obsolet, der Witz ist schal geworden. Arbeit und Leben sind in Wahrheit miteinander verschmolzen. Und zwar so sehr, dass es keiner mehr bemerken will. Natürlich liest man die E-Mail des Chefs auch noch daheim vor dem Rechner – und lässt sie nicht geschlossen bis zum nächsten Tag. Das Problem geht aber über die Selbstkasteiungen des Durchschnitt-Workaholics weit hinaus. Es mag ehrenwert sein, wenn man sich über seinen Beruf selbst definiert. Wird man aber auch in der Freizeit sein Lehrer, Arzt- und Kundenmanagementdasein nicht los, dann definiert der Beruf das eigene Leben. Weitaus schlimmer geht es dem Arbeitslosen, der sich dieses Makels nicht mehr entledigen kann. Hilflos nennt er sich selbst, wie es ihm die Arbeitsbehörde empfiehlt, Arbeitssuchender. Wer nicht arbeit sucht, ist kein Mensch mehr.

Die Arbeitsethik unserer Zeit hat die Ausbildung des flexiblen Menschen zum Ziel.

Der flexible Mensch soll strebsam, ehrgeizig, aufmerksam, diszipliniert und kompetent sein. Was hat man über Edmund Stoiber gelacht, als er von der Kompetenz-Kompetenz sprach. Bitterernst war es ihm. Der flexible Mensch muss zu allem fähig sein; Effizienz ist das oberste Gebot. Ungeduld ist für ihn eine Tugend, denn Geduld frisst Zeit und kostet Geld. Flexibel heißt bereit sein. Bereit, jederzeit zu arbeiten, jederzeit Überstunden zu machen, jederzeit alle psychische Energie in den Arbeitsprozess zu stecken. Und sei es nur die konzentrierte Ablehnung der eigenen Arbeit und die Verachtung des Arbeitgebers. Kein angenehmer Arbeitstag mehr? Schon am Sonntag vor dem Einschlafen mit den Nerven am Ende? Das ist die perverse Macht der Arbeit über das Leben. Der flexible Mensch soll nämlich Freude an seiner Arbeit empfinden. Maloche muss ihm Spaß machen. Und er verteidigt sich deshalb auch: „Eigentlich macht es mir ja Spaß“, sagt er. Wer aber keine Lust empfindet, der muss leiden. Denn andere haben ja Freude daran. Heißt es. Sagt man. „Liegt es an mir?“, ist die Frage unserer Tage.
Einige wollten ihr Hobby zum Beruf machen…

Der Begriff der Arbeit hat sich gewandelt, weil sich der Begriff des Berufs (und der Berufung) verändert hat. Einen Beruf ein Leben lang ausüben, mit ihm leben, durch ihn leben, ist nur in Wohlstandsgesellschaften möglich, in denen der Staat die Existenzweise massiv finanziell zu unterstützen in der Lage ist. Vor dem Staat gab es keinen Beruf. Es gab Arbeit unterschiedlichster Art. Und es gab die Berufung, die in der Regel eine Frage des Standes war. Eine Berufung dieser Art wurde nicht in Frage gestellt. Sie musste akzeptiert werden.

Längst haben sich die Erwerbsbiographien geändert. Häufige Arbeitsplatzwechsel sind inzwischen die Regel geworden. Flexibilität verlangt auch, Momente der Arbeitslosigkeit zulassen zu können. Freilich dürfen diese Momente nicht zu Episoden werden, denn der Lebenslauf verträgt keine Dellen. Es ist geradezu paradox, dass in Zeiten der erodierenden Arbeitsplatzsicherheit besonders darauf geachtet wird, dass die Erwerbsbiographie eine strikte Kontinuität aufweist. Talente allein zählen wenig. Wenn der Eindruck entsteht, man wäre nicht auf der ständigen Suche nach Arbeit, dann ist man für den Arbeitsmarkt verloren. Die Schizophrenie dahinter ist die Diskrepanz zwischen dem eigenartigen Verlangen des Arbeitsmarkts nach verlässlichen Arbeitskräften und der bedauerlichen und stillschweigend vorgenommenen Vorgabe, dass jeder noch so unglücklich erlebte Arbeitsplatzverlust einfach hingenommen werden muss.