25. August 2010

Zeitenwende (9)

Gesellschaften verändern sich nur langsam, Gemeinschaften umso schneller. Seit dem Eintritt ins Internetzeitalter unterliegen die Bedingungen für Gemeinschaftsstrukturen einer krassen, wenn nicht sogar revolutionären Verwandlung. Die Geschwindigkeit dieses Umschwungs, der auch als Wandel der menschlichen Kommunikation verstanden werden kann – umso mehr, da es sich hier vor allem um eine Erweiterung der Möglichkeiten handelt –, lässt sich schon allein daran abmessen, dass sich kaum eine Wertediskussion den Hinweis auf die Gefährlichkeit, Oberflächlichkeit und Offenheit dieser neuartigen Gemeinschaftsstrukturen verbieten kann. Diesen Wechsel aber allein auf den Beginn des digitalen Zeitalters festzunageln, ist ein großes Missverständnis. Zum einen befinden wir uns nicht an der Schwelle zur digitalen Ara, sondern wir stehen mitten drin. Zum anderen folgt die Mentalität der Gemeinschaftspluralisierung der Logik einer sich zersetzenden öffentlichen Gesellschaft. Hin zum Privaten, zurück zum Privaten.

In einer öffentlichen Gesellschaft werden Qualität und Bedeutung von Gemeinschaften zumeist von deutlichen Regeln beziehungsweise von Sozial-Diskursen begrenzt. In einer größtenteils sich ins Private zurückziehenden Gesellschaft bestimmen Individuen scheinbar selbst die Strukturen ihrer gewählten oder entwickelten Gemeinschaft. Allgemein empfindet man diese Möglichkeit zur Wahl einer Gemeinschaft als eine neue Form der Freiheit. Nur handelt es sich nicht um eine errungene Freiheit. Vielleicht ist dies das Merkmal aller tatsächlichen Freiheiten: sie müssen erkämpft und sodann stets verteidigt werden. Sobald die Freiheit, die sich über Möglichkeiten konstituiert, von Notwendigkeiten flankiert wird, verliert sie ihre Existenzberechtigung. Sie wird zur Scheinfreiheit, der im schlechtesten Fall immer noch ein Geruch des Bahnbrechenden anhaftet. Es ist schwer, diesen Geruch zu vertreiben. Warum aber unterliegen die neuen Gemeinschaftsstrukturen einer Scheinfreiheit? Sie entledigen sich doch vom Zwang, sich fest gefügten Ideen zu unterwerfen. Sie unterwandern doch die unterschiedlichsten Konventionen. (Das ist sogar eines ihrer unerschütterlichsten Merkmale: Sobald sich solche Gemeinschaften von irgendwelchen sie bedrohenden Konventionen eingegrenzt fühlen, lösen sie sich auf.) Sie bestimmen doch ihre Offenheit und Geschlossenheit selbst. Sie verfügen doch über vielfältige Formen des Beisammenseins. Sie bedienen sich doch diverser Methoden der Zusammenführung. Sie haben doch die Möglichkeit, fehlende körperliche Nähe durch digitale Liebkosungen jederzeit zu ersetzen.

(wird fortgesetzt)