13. Januar 2009

Lesen - eine Odyssee

Wer dies liest, der liest etwas über das Lesen. Das mag merkwürdig sein, denn was hieße es schon, etwas über das Sehen zu sehen oder etwas über das Hören zu hören? Eigentlich scheint es unmöglich, über einen solchen Vorgang zu schreiben, der, nachdem er erlernt ist, eine Selbstverständlichkeit besitzt, die auch der Teufel nicht mehr austreiben könnte. Man mag mir jetzt erwidern, dass ich doch Äpfel mit Birnen vergliche. Sehen können wir von Geburt an. Genauso verhält es sich mit dem Hören, Schmecken, Fühlen etc. Das Lesen muss doch erlernt werden. Das ist richtig. Aber ich will noch weiter gehen. Das Lesen als Leseprozess muss nicht nur erlernt werden, es handelt sich hier vielmehr auch um einen Begriff, dessen Bedeutung viel umfassender ist, als man allgemein glaubt. Wer lesen gelernt hat, das Alphabet beherrscht, Buchstaben aussprechen kann, Wörter, Sätze verstehen kann, der ist noch nicht in der Lage zu lesen. Warum? Ich will noch weiter gehen. Wer hört, wer riecht, sieht, schmeckt oder fühlt, der liest auch. Er liest ein Bild, er liest eine Schokoladenpraline, er liest ein Frauenparfüm, er liest die feinen Härchen auf der Haut seines Babys. Nur reicht es nicht, dies einfach nur geschehen zu lassen. So wie sich Buchstaben zu einem Wort und die Wörter zu einem Satz und die Sätze zu einem Text ergeben, so müssen diese Kontexte erst erschlossen werden. Konventionen führen dazu, dass es gar nicht anders möglich ist, als mehrere Wörter in bestimmter Ordnung, in größter Einfachheit verstanden durch Subjekt, Prädikat, Objekt, als einen Satz zu verstehen – wenn ein Punkt ihn begrenzt. Sollte diese Konvention erst einmal begriffen worden sein, dann kann es weitergehen. Doch was passiert, wenn der Punkt verschwindet? Wann wird der Leser zum Leser? Wann erwirbt er die Fähigkeit, Texte nicht nur als Aneinanderreihung von Sätzen zu verstehen, sondern sie als mehr – nämlich als Bedeutungsträger zu verstehen?

Was heißt es zu lesen, heute, einstmals, in Zukunft?

Ich verstehe das Lesen als einen langen, nicht ohne weiteres begehbaren Weg. Lektionen um Lektionen reihen sich im Leben aneinander, nur damit der Blick auf das Wesentliche freigelegt wird.

Leben heißt lesen und lesen heißt leben!

Ich behaupte, dass es anstrengend ist zu lesen. Ich glaube, dass es ein wesentlich größeres Problem ist, nicht in der Lage zu sein, tatsächlich zu lesen, als Analphabet zu sein. Ich denke, dass die Möglichkeit, Erkenntnisse zu gewinnen, nur durch das Erlernen des Lesens möglich ist. Und nie ist das Lesen hier nur als das Abfolgen von Buchstaben gemeint. Auch will ich das Lesen nicht nur als Kulturtechnik verstehen, obwohl die Macht des Lesevorgangs durch diesen Begriff, der Technik und Kultur, Sein und Sinn, vereint, schon verdeutlicht wird. Das Lesen ist mehr.

Wer liest, der sieht, schmeckt, riecht, fühlt, ja sogar ist wahrhaftig.

Dies zu verdeutlichen, Lesevorgänge zu entschlüsseln, Lesewege zu ebnen und die vielen möglichen Leser zu beschreiben, das soll meine Aufgabe sein.