20. November 2008

Der musikfreie Tag

Alles still. Keine Hymnen. Kein Radio. Keine I-Pods. Keine Instrumente. Filme bleiben stumm. Keine Pfiffe, kein Summen, kein Fingerschnippen. Geschlossene Plattenläden. Keine Musik im Ohr!

Für einen Tag soll alles schweigen. Damit wir uns besinnen auf die Kraft und die Magie der Musik. Denn diese scheint uns verloren zu gehen. Wir vertreiben sie mit dem maßlosen Einsatz von Musik in jeder Lebens- und Gemütslage. Kein Medium, das die Musik einsetzen kann, verzichtet mehr darauf, sie schamlos zu missbrauchen. Gefühlsmanagement wird mit ihr betrieben. Sollten die Bilder nicht passen – die Musik macht sie passend. Wer sich traurig fühlt, hört traurige Musik. Oder er hört fröhliche Musik. Wie er es mag. Das ist nicht problematisch; das Problem aber beginnt dort, wo man sich daran gewöhnt, die Musik einzusetzen, als wäre sie kunst-, macht- und damit existenzlos.

Gedenktage gibt es für alles und jeden. Ein regelrechter Kult hat sich um diese Form des Ritualisierens entwickelt. Es gibt den Tag des deutschen Bieres, den Tag des Friedhofs, den Tag des Baumes, den Tag des Butterbrotes – auch den Tag gegen Lärm. Warum nur all diese Gedenktage? Weil uns jeden Tag etwas zu entgleiten scheint, das wir bewahren wollen. Wie kleine Kinder, die begreifen, dass ihnen ein zerkuschelter Teddybär weggenommen wird, klammern wir uns an die Nostalgie, als wäre es der letzte Grashalm vor der ungewissen Zukunft. Ja, diese Gedenkmomente sind Irrsinn und nutzlos, denn ihre Wirkung ist in den besten Fällen begrenzt und in den schlechtesten Fällen nur als Werbetrick zu verstehen. Aber tatsächlich lauert hinter diesen Symbolen des Erinnerungsmarketings etwas, das wir lernen können: bewusst zu konsumieren.

Bill Drummond, der legendäre Gründer von KLF, ruft deshalb zum No-Music-Day auf. Wenige werden ihm folgen. Sie werden den Sinn dahinter nicht verstehen wollen oder sie werden, selbst wenn sie darüber gelesen haben, vergessen, dass dieser Tag zur Ruhe genutzt werden soll. Es muss nicht dieser Tag sein. Es muss überhaupt kein bestimmter Tag sein. Aber solche Aktionen müssen uns lehren, dass wir nur dann die Bedeutung von Kunst in unser Leben (re-) integrieren können, wenn wir sie auch als solche betrachten. Bücher verschlingen, Fernsehen glotzen, Kino und Video im Marathon, Music-Lounges, Ausstellungsevents – all diese Formen des Konsums erschlagen die Kunst.

Wer eine Platte in den CD-Player legt, die er seit Jahren nicht gehört hat, die aber vor einiger Zeit eine immense Bedeutung besessen hat, der wird jene Wehmut spüren, die so unendlich kostbar ist, dass man sie gerade nicht jeden Tag wieder hervorzaubern kann. Deshalb dürfen DJs einen Tag arbeitslos bleiben, können Plattenspieler ruhig für 24 Stunden verstauben und darum sollten Orte, an denen Musik wahllos ins öffentliche Leben gespuckt wird, nur für einige kostbare, stille Momente des Lebens gemieden werden.

Vielleicht wird Musik eines Tages wieder die Welt verändern. Das hat sie nämlich schon getan (eine ganze Generation hängt am Rockzipfel dieser verehrten Heroen). In dieser Zeit ist sie aber kraft- und wirkungslos. Das muss, das darf so nicht bleiben!