30. Oktober 2008

Trimm dich!

5, 6, 7, 8, 9, 10. Ausatmen.
Während ich auf die nächsten Züge warte, meine angestrengten Muskeln entspanne und die bleischweren Plastikstäbe der Menschenschindunsmaschine freiwillig loslasse, denke ich nach über die seltsame Welt, in der ich mich befinde.

Körperfabrik.

Unzählige Körper wuseln vor meinen Augen über Bänder, treten gegen Plastik, beugen, dehnen, schmerzen sich, bis ihre Augen blutunterlaufen sind. Für den Leib tun sie es. Um fit zu sein, um einfach gut auszusehen. Jeder, so sagte es mir der nette Trainingsmeister bei den ersten chaotischen Übungseinheiten, hätte ja sein eigenes ästhetisches Ziel. Er seufzte diese Worte in die schweißgedehnte Luft der Lagerhalle, die früher vielleicht einmal Waffen für die Wehrmacht beheimatete. Wer weiß das schon genau. Manche schwitzen, andere nicht. Einige schwabbeln, andere sind überspannte Muskelmassen, hinter denen so etwas wie ein Gesicht noch mitleidig strahlt. Auf den Fahrrädern keuchen die einen, auf fremdartigen, außerirdischen Geräten turnen die anderen und pumpen nebenbei Musik in ihre hochroten Ohren. Damit die Zeit vergeht. Ohnehin: Dieser Ort ist zeitlos; man selbst gestaltet sich den Tag, auch wenn es Nachts um Drei sein soll – offen ist immer. Hier waltet nicht der Geist, der gern verneint; er ist zum mickrigen Überbleibsel eines Nurnochkörpers geworden. Ein hohler Atavismus. Nicht vonnöten. Dennoch herrscht in diesen Kontraktionszentren eine ganz eigene Gesprächskultur. Wo ist der Soziologe, der sie erforscht?

Einatmen. 1, 2, 3, 4, 5 usw.

Masochistentreff.

Um den Alltag zu zertrampeln, latschen sie hier hunderte von Kilometern, die auf einem Gerät – hoffentlich lügt es nicht – samt verbrauchte Kalorien angezeigt werden. Blinkende Lämpchen, manchmal gnädig, meistens kühl und sachlich. Nach all der Seelenpein in Beruf und Heim kann hier die Verpackung ordentlich gequält werden. Wenn es auch im Herzen piekst, nichts ist so erquicklich wie das Fordern all der Sehnen, Fasern, Bizepse. Der Körper dankt’s mit verkaterten Muskeln, Zerrungen und allerlei Zimperleinchen, die wahrscheinlich auch kein Arzt benennen kann. Aber sie verheißen Leben. Leben im Schmerz. Und das Gefühl, fit zu sein. Übrigens auch Serotonin. Was schüttet das Hirn für Glückshormone über das ermattete Herrchen aus. Vielleicht ja nur, weil es jetzt auch wieder zu Wort kommen kann. Egoistisches Hirn. Dabei lebt es sich so gut im dämmrigen Mutterleib der Leibeszüchtigungsgenossenschaft.

Geburtskanal.

Ich fühle mich, so oft ich hier auch bin, jedes Mal so, als würde ich von Neuem beginnen. Ja, die Streckbänke der Gegenwart sind nichts anderes als herrlichste Geburtsmetaphern. Nicht nur dass manche Metallmonster wie Gebärstühle wirken. Kontraktion heißt das Zauberwort. Alles ist ein großer Orgasmus. Wilhelm Reich hätte es gefreut. Und nach zauberhaften Minuten, ach eher Stunden, fühlt man sich – ha, da ist die Metapher! – wie neugeboren. Wahrscheinlich ist das sogar das Ziel dieser unpersönlichen Physishallen. Das wäre doch ein kleines Glück. Menschen, die sich schinden auf dem Weg zum von den Medien gierig hochgelobten Astral-Irgendwas, und gleichzeitig in der tiefsten Höhle mit der Sehnsucht nach der Rückkehr in den Geburtsleib konfrontiert werden. Das läuft alles unbewusst ab. Psychoanalyse der Gegenwart. Über den Umweg Körper.

Einatmen. Ziehen. Schwitzen. Schmerz. Ausatmen.

Muskelgeheul.

Zum nächsten Gerät geht es. Alles nach Plan. Ich glaube, dass gerade die strukturierte Aufsicht über die eigene Bewegung Hoffnung zu geben scheint. Das reicht eigentlich schon aus. Die Herkulesse und Arnies in der Umkleidekabine – erschreckende Hünen – nehmen jedenfalls meistens irgendwelche Pillen, Drops, Drinks, Spritzen usw. Wer zum Bären sich entstellen will, der benötigt freilich seine Medizin. Das Glück des einfachen Mannes liegt darin, Fitnesscenters Liebling zu sein – Mitglied des Monats auch genannt. Dann gibt es sogar ein Fotoshooting. Alle anderen, also auch ich, schlurfen von Gerät zu Gerät, hetzen über die Laufbänder, malträtieren die Fahrräder, missbrauchen die anderen aus den USA importierten Geräte und gehen mit einem halbfertigen Lächeln vondannen. Wenn ich dann in den grundehrlichen Spiegel blicke und meine Bauchmuskeln anspanne, bin ich dann in die sorgsam ausgelegte Falle gegangen?
Oder sind die Schwitzkästen letztlich doch Orte der Melancholie, die Zeugnis ablegen von den blinden Idealismen hedonistischer einsamer Großstadtmenschen?
Warum steht eigentlich vor jedem Trimmdichtreff ein Fast-Food-Tempel?