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Prolog

In Honig getaucht

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Mein lieber Sohn,  ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, wie ich einst in der gleichen Situation war wie du jetzt. Diese freudige und zugleich spannungsreiche Erwartung. Das Bangen, ob alles genau so abläuft, wie es zuvor besprochen und erhofft wurde. Es kommt eh alles anders, als man denkt. Das ist jetzt aber nicht wirklich ein Ratschlag, sondern eine fürchterliche Binsenweisheit, höre ich dich sagen. Natürlich! Aber genau das bedeutet es ja, Mutter und Vater zu werden: sich auf etwas einzulassen, das nicht planbar ist. Du kamst auf den letzten Drücker auf die Welt, mein Sohn. Als hättest du gar keine Lust gehabt, aus deinem wonnig-warmen Nest zu schlüpfen. Warum auch? Im eisigkalten Winter fällt es doch viel schwerer, zum ersten Mal die Augen zu öffnen und nach Luft zu schnappen. Du hast es dann doch gewagt, auch wenn du deiner Mutter und mir erst einmal viel Angst eingejagt hast. Darauf musst du dich nun auch einstellen: Die Furcht wird zu deiner alltägli...

Schwindelfrei

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Auf dem Spielplatz habe ich es festgestellt: Es geht nicht mehr mit dem Schaukeln. Jedenfalls nicht mehr wie früher.  Rückblickend fühlt es sich an, als hätte ich fast meine gesamte Kindheit durchgeschaukelt. Welche Freiheit und Ruhe darin steckten, sich auf einen Schaukelstuhl im Grünen zu schwingen, ihn hin und her zu wippen. Der sanfte Wind um die Ohren, die Beine hoch und runter, die Hände fest an den Ketten (im Winter waren sie immer zu kalt, aber das war egal). Es ist pure Physik, und doch fühlte es sich gerade so an, als würde man für einen pendelnden Moment die Schwerkraft aus den Angeln heben.  Wenn ich einst so hoch wollte, wie es der Balken zuließ, so ist heute früh Schluss. Springe ich ab, ereilt mich ungelogen auf der Stelle ein Schwindel. Der lässt sich auch nicht so leicht abschütteln, ich muss regelrecht Stand suchen, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Der wippende Spaß, er ist dahin. Das Alter wird mir zentnerschwer bewusst.  Natürlich gibt ...

Chimärenauflösung

Aufklärung: Erkenntnis durch Desillusionierung, nicht Befreiung durch Ideen.

Blinder Fleck

Gewalt und Unglück entstehen oft nicht aus Bosheit, sondern aus Gleichgültigkeit und Erschöpfung.

Glaubenssatz

Ich glaube daran, dass man Krisen nicht sofort heilen sollte, dass man Trauer nicht therapieren darf, dass Denken nicht zu Lösungen führen muss und dass Sprache nicht als Reparaturwerkzeug misszuverstehen ist.

Winterreise

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Der entblößte Mensch

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Der ungarische Regisseur Béla Tarr hat nur wenige Filme gemacht, aber mit einem radikal asketischen Stil aus schwarz-weißen, langen, abstrakten Einstellungen mit einer Kamera als mitleidlosem Zeugen das europäische Kino tiefer geprägt als viele andere, die regelmäßig mit Preisen überschüttet werden. Er zeigte nicht nur im siebeneinhalbstündigen „Satanstango“, das auf keiner Liste der besten Filme fehlt und wie andere seiner Werke auf Grundlage von Erzählungen des Literaturnobelpreisträgers László Krasznahorkai entstand, eine Welt ohne Trost, in der wenig gesprochen wird und es sehr viel regnet.  Man kann Tarrs Filme als Zumutung empfinden – und das sind sie aufgrund ihrer formalen Strenge, noch mehr aber wegen ihrer existenzialistischen Brutalität. Aber in ihnen finden sich auch ungeheuerliche Momente der Schönheit und Gnade.  Konfrontation mit absoluter Wehrlosigkeit Eine Szene in „Die Werckmeisterschen Harmonien“ (nach dem Roman „Melancholie des Widerstands“ von Krasznahorka...

Verhüllt

„Und was ist die Melacholie? Worauf ich nichts zu erwidern wusste, lieber zu ausweichenden Antworten Zuflucht nahm. (...) Aber es ist, als verhüllte der Begriff der Melancholie die Melancholie selbst. Die Worte machen das, worüber sie sprechen sollen, zunichte.“  Lászlo F. Földényi, „Lob der Melancholie“

Empfang

Was der eine als Empfangen erlebt, ist für den anderen ein Eindringen. Derart kann sich aber auch ein Empfangener als Eindringling verstehen. Oder soll es sogar.