18. Dezember 2016

Vom Leben eines Esels (8)

Notizen zu Au Hasard Balthazar von Robert Bresson 


Michael Haneke: „Man spürt in Balthazar wie in allen Filmen Bressons eine fast körperliche Aversion ihres Autors gegen jegliche Form der Lüge, insbesondere gegen jede Form des ästhetischen Betrugs. Diese ingrimmige Abneigung scheint die Antriebskraft seiner gesamten Arbeit zu sein, und sie führt zu einer Reinheit der erzählerischen Mittel, die in der Filmgeschichte ihresgleichen sucht.“

(Schrecken und Utopie der Form. Bressons Au Hazard Balthazar. In: Michael Haneke. Gespräche mit Thomas Assheuer. Berlin 2008, S. 144.)

16. November 2016

Lehrbücher des Gefühls

Millionen von Liebesromanen werden Jahr für Jahr verschlungen - weil die Menschen danach dürsten, die Liebe zu verstehen. Die vermeintlich besseren Antworten gibt aber nicht die Belletristik.


Die Liebe ist ein Hauch: Filmszene aus „Lost in Translation“

Natürlich gibt es in der Literatur von Shakespeare über Goethe bis hin zu Murakami viele Beispiele für weise Werke über die Liebe. Wer sich darin vergräbt, wird nicht zwangsläufig zum unverbesserlichen Romantiker, denn viele der größten Liebesromane enden nicht sehr glücklich.

Doch es gibt auch einige unsterbliche theoretische Auseinandersetzungen mit diesem wohl wichtigsten aller menschlichen Themen, die keine Sekunde trocken und für die eigene Herzensbildung und Persönlichkeitsentwicklung wohl genauso von Bedeutung sind wie „Stolz und Vorurteil“ oder die „Die Leiden des jungen Werthers“.

Wer die Liebe verstehen will, sollte diese fünf Bücher lesen!

Erich Fromm: Die Kunst des Liebens 


Der große Psychoanalytiker Erich Fromm wollte eigentlich nur ein kleines Büchlein schreiben, in dem er die wichtigsten Thesen seines bisherigen Werks („Die Furcht vor der Freiheit“, „Wege aus einer kranken Gesellschaft“) zu verdichten suchte. Daraus wurde einer der größten Bestseller zum Thema, von mehreren Generationen verschlungen, in Universitätsseminaren abwechselnd als hellsichtig gepriesen und esoterisch abgetan.
Fromm geht davon aus, dass man die Fähigkeit zur Liebe erlernen muss, dass sie Selbstliebe zur Bedingung hat und schließlich die Entwicklung der ganzen Persönlichkeit als Voraussetzung des Gelingens dringend benötigt. Grundpfeiler für die Kunst des Liebens sind für ihn Disziplin, Geduld, Konzentration und Glaube. Außerdem glaubte der 1980 verstorbene Humanist daran, dass eine kranke, destruktive Gesellschaft voller Narzissten auch nichts anderes als Liebesunfähige erzeugen kann.

Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe 


Noch einer dieser unwahrscheinlichen Bestseller. „Fragmente einer Sprache der Liebe“ erschien 1977 und wurde auf Anhieb nach seinen berühmten „Mythen des Alltags“ zum populärsten Buch des lebenslustigen Semiologen. Mit alphabetisch angeordneten Begriffen und fest an „Die Leiden des jungen Werther“ von Goethe und anderen hochrangigen Werken der Weltliteratur orientiert, schuf Barthes eine Art Lexikon der Liebe und des Gefühls, in dem die Absonderlichkeiten des menschlichen Zusammenlebens und Zusammenfindens scharfsinnig umrissen werden. 
 
Dabei wird natürlich, wie es sich für einen Zeichendeuter gehört, so gut wie jede sprachliche Formel auseinandergenommen, die sich die Verliebten Tag für Tag in die Ohren säuseln. Ausgangspunkt für das Buch sind „Bruchstücke verschiedensten Ursprungs“, wie der Franzose im Vorwort schreibt: persönliche Erfahrungen und Gespräche mit Freunden, philosophische und psychoanalytische Texte und eben Kunst, Musik und Literatur. Die daraus entstandene Montage ergibt ein hinreißendes, wenngleich nicht immer leicht zu lesendes theoretisches Puzzle.

Niklas Luhmann: Liebe als Passion 


Natürlich kann man Niklas Luhmann nicht einfach so lesen auf der Bahnfahrt zur Geliebten in der Ferne. Dafür sind die Sätze des Soziologen und Systemtheoretikers viel zu sperrig. Aber so wie Fromm die sozialpsychologische Dimension der Liebe erkundet und Barthes ihre Wirkweise als Diskurs, veranschaulicht er die Liebe als kommunikativen Code. Auch Luhmann geht unromantisch davon aus, dass die Liebe nicht von alleine kommt – und er stellt sich die Frage, wie man wissen kann, was Liebe ist und was sie von einem verlangt.
Entscheidend ist dabei, dass die Liebe als Code dazu beiträgt, dass der Einzelne in einem Gefüge aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Erziehung nicht verloren geht, sondern überhaupt erst eine Existenzberechtigung gewinnt. Im luftleeren Raum findet dies natürlich nicht statt; Luhmann analysiert literarische Werke aus vergangenen Jahrhunderten und interessiert sich bevorzugt für Anleitungen zum Lieben. So ist sein wissenschaftlicher Roman selbst zu einer Art Liebesanleitung geworden.

Eva Illouz: Der Konsum der Romantik 


Mit „Liebe muss weh tun“ schrieb die israelische Soziologin so etwas wie das Kultbuch der liebeshungrigen, aufgeklärten Generation Y – denn schon mit dem Titel wird das Liebeswirrwarr einer Zeit schmerzhaft auf den Punkt gebracht, in der die Theorie, was romantische Liebe sein könnte und die Praxis, wie mit den in langjährigen Beziehungen auftretenden Problemen umgegangenen werden kann, nicht weiter voneinander entfernt sein könnten.
 
Ihr Grundlagenwerk ist aber „Der Konsum der Romantik: Liebe und die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus“, in dem facettenreich und mithilfe einer umfangreichen statistischen Erhebung veranschaulicht wird, wie sich die Liebe und die Ökonomie längst gegenseitig beeinflussen. Demnach gibt es keine Romantik mehr, ohne dafür etwas investieren zu müssen. Die amerikanische Praxis des (unschuldigen) Datens, bei dem zuerst in einem Café oder eine Bar etwas getrunken und später dann eine Spritztour im eigenen Wagen gemacht wird etc. steht mustergültig für diese nach Illouz längst eingefahrene und größtenteils bedenkliche Dynamik. Die Liebe ist zum bevorzugten Ort des Konsums geworden.

Wilhelm Schmid: Liebe - warum sie so schwierig ist und wie sie dennoch gelingt 


Wilhelm Schmid ist wahrscheinlich der bekannteste Vertreter einer Lebensberatungsphilosophie, die ihre praktischen Tipps für ein gelungenes Leben mit einer leidenschaftlichen Untersuchung gesellschaftlicher und psychologischer Missstände paart. Sein Ratgeber ist natürlich auch eine Art „Kunst des Liebens“, doch sie legt vor allem auch Wert darauf, die Probleme, die zwangsläufig in einer Paarbeziehung auftreten, hinreichend und vor allem ganz praktisch zu thematisieren. 
 
In der Reihe der hier aufgeführten Werke mag Schmids Büchlein wohl das zugänglichste sein, was aber auch daran liegt, dass sich der Autor mit viel Humor und Weitsicht bemüht, die großen Themen der Philosophie und Gesellschaftstheorie (Schmid hat über Michel Foucault promoviert) auf ihr manchmal gar nicht so festes Fundament zurückzuführen. Dabei kommt Schmid zur Erkenntnis, dass es vor allem die intensive, vorurteilsfreie Betrachtung des Anderen ist, welche die Liebe am Laufen hält. 

16. Oktober 2016

Vom Leben eines Esels (7)

Notizen zu Au Hasard Balthazar von Robert Bresson

Diese ungeheure Kühle, mit der sie miteinander sprechen. Die Unbarmherzigkeit, mit der sie miteinander umgehen. Marie liebt Gerard. Gerard begehrt Marie, und jagt sie wie ein Wolf seine Beute. Sie weint – um den Verlust ihrer Unschuld (und vor Schmerzen über den sadistischen Akt?) und gibt sich ihm hin. Jacques liebt seine Marie seit Kindertagen. Auf einer Parkbank hat er als Knabe ihre Namen mit Kreide verewigt. Doch als er ihr, erwachsen geworden, seine Liebe gesteht, antwortet sie düster: „Du begreifst die Realität nicht.“

Auch kaum ein Lachen, eigentlich gar keins, in diesem Film. Vielleicht lacht ja der Esel Balthazar in sich hinein, wer weiß das schon. Emotionen werden provoziert, in dem sie zunächst bekämpft werden. Nicht Menschen, sondern Marionetten sehen wir, deren leere Blicke wir verstehen und deuten lernen müssen. Der Zuschauer gestaltet die Figuren, in dem er für sie und deshalb mit ihnen fühlt.

9. September 2016

Warum einer Frau beim Kartoffelschälen zuschauen?

„Jeanne Dielman, 23, Quai du Commerce, 1080 Bruxelles“ von der großen belgischen Regisseurin Chantal Akerman ist ein Film wie kein anderer - und auch 41 Jahre nach der Premiere ein ergreifendes Erlebnis.



Es ist eigentlich recht selten geworden, dass man einen Kinofilm nicht mehr so einfach zu sehen bekommt. Ohne YouTube, Netflix und all die illegalen Alternativen, natürlich aber auch ohne DVD und Blu-ray, war es früher ungleich schwerer als heute, cineastische Entdeckungen zu machen oder gar verbotene oder gemiedene Schätze zu entdecken. Mag es verständlich sein, dass man schon einige Anstrengungen unternehmen muss, um einen Film wie „Die 120 Tage von Sodom“ auszugraben (Pasolinis Hasserklärung bekommt man immerhin des Öfteren mit pädagogisch wertvoller Einführung im Kino zu sehen, man kann den Film in der Komplettfassung allerdings auch als Import-DVD, in Deutschland als geschnittene Fassung kaufen), überrascht es doch, dass auch „Jeanne Dielman, 23, Quai du Commerce, 1080 Bruxelles“, einer der  Klassiker des minimalistischen Films und ein Meilenstein des feministischen Kinos, nicht einmal ohne Weiteres wenigstens als europäische Importversion verfügbar ist. Zwar kann man Chantal Akermans Meisterwerk in einer sehr schönen Fassung der amerikanischen Criterion-Collection erwerben, doch natürlich bleibt die Frage, warum eines der bedeutendsten Kunstwerke der europäischen Filmgeschichte auf diesem Kontinent im Grunde kaum zu haben ist - und vor allem so gut wie gar nicht in den Lichtspielhäusern gezeigt wird.

Das Berliner Kino Arsenal, das zum Institut für Film- und Videokunst gehört, zeigt unter dem Titel „No Home Movies“ eine Retrospektive der Filme Chantal Akermans, die im Oktober 2015 verstorben ist. Dabei kommt neben vielen anderen bedeutenden und weniger bedeutenden Filmen der belgischen Regisseurin auch „Jeanne Dielman“ zur Aufführung. Das 205-minütige experimentelle Kunstwerk ist auch im Jahr 2016 noch eine Herausforderung, zeigt es doch mit geradezu dokumentarischer Präzision einen auf drei Tage angelegten Ausschnitt aus dem Leben einer Hausfrau, die nach dem Tod ihres Ehemannes ihren Alltag mit streng ritualisierter Abfolge zu meistern versucht.

Hausfrau, Mutter, Hure


Jeanne wird von Delphine Seyrig  (zur damaligen Zeit eine Leinwandlegende, deren außergewöhnliches Wirken sich zwischen Kunstkino wie „Letztes Jahr in Marienbad“ von Alain Resnais und Harry Kümels Edeltrash „Blut an den Lippen“ einordnet) verkörpert, auch wenn das Wort „Verkörpern“ im Grunde nicht einmal ansatzweise ausdrückt, wie sich die französische Mimin ihre Figur aneignet, wie sie mit absoluter Reduktion eines wie auch immer gearteten Spiels dieses in sich verschlossene Menschenwesen zum Leben erweckt. Es gibt keine einzige der akribisch von Kamerafrau Babette Mangolte komponierten Szenen, in der Seyrig nicht zu sehen ist. Sie macht den Abwasch, kocht Kaffee, schält Kartoffeln, wischt das Badezimmer, putzt Schuhe, erledigt Einkäufe, kümmert sich um ihren - allerdings eher abwesenden - Sohn und empfängt, bevor sie ihren Jungen abends sorgsam bewirtet, zwischenzeitlich Herrenbesuch, um sich damit noch ein kleines Zubrot zu verdienen.

Das ist schon alles - und das ist sehr, sehr viel.

In Jeannes Gesicht zeichnet sich selten einmal so etwas wie Freunde, Anstrengung, Nachdenklichkeit oder gar Traurigkeit ab. Mit beängstigender Kühle und erschütternder Ruhe geht sie ihren Routinen nach. Und es wird sehr schnell klar, dass sie ohne diese stets nach dem selben Muster ablaufenden Aufgaben kaum sie selbst sein könnte. Es wird wenig geredet in diesem Film, und wenn doch, dann eher über Belangloses oder auf fast unfreiwillig komische Art. So liest Jeanne ihrem Sohn einen Brief von der Tante in Kanada vor, die sich sehnlichst einen Besuch wünscht, zugleich aber rigide Vorwürfe an die Verwandte in der Ferne richtet. Sie tut dies aber in einer vollkommen abwesenden emotionalen Tonlage, die den Worten zu keiner Zeit gerecht wird. Die Botschaft verhallt. Hatte sie etwas zu bedeuten? Ein Konflikt schwebt, zumindest auf der Handlungsebene, allenfalls im Hintergrund mit, unendlich weit von den gezeigten Figuren entfernt.

Als der 16-Jährige sich später kurz vor dem Gang zu Bett plötzlich mit eindringlichen Worten an seine Mutter richtet und verkündet, dass er vor einigen Jahren mit aller Macht versucht hatte, die körperliche Liebe zwischen seinen Eltern zu verhindern, würgt Jeanne ihn völlig unberührt ab und knipst das Licht aus. In „Jeanne Dielman“ wird sehr oft das Licht an- und ausgeschaltet, Türen werden (lautstark) geöffnet und wieder geschlossen. Diese Kleinigkeiten des menschlichen Wirkens, in anderen Filmen selten von Interesse oder eben von psychologischer Bedeutung aufgeladen, sind es, die im Zentrum dieser möglicherweise von der Dingbesessenheit des Nouveau Romans inspirierten Versuchsanordnung stehen. Natürlich wird so auch die Mechanik des Kinos, also das Zusammenspiel von Bewegung und Zeit, reflektiert.

Der weibliche Blick


Cineasten, Filmwissenschaftler und nicht zuletzt auch Feministinnen haben viel geschrieben über den Sinn dieser radikalen Beobachtung einer Hausfrau, Mutter und Hure. „Jeanne Dielman“ wurde als Psychogramm einer von einer patriarchalisch orientierten Gesellschaft zur Gehorsamkeit verdammten Frauenfigur verstanden, die diesen Druck wie selbstverständlich verinnerlicht hat. In vielen Sequenzen wird die zwangsneurotische Besessenheit, noch jedes kleinste Detail des Alltags zu beherrschen - und sei es nur durch die Anordnung des Bestecks auf dem Esstisch - geschildert und schließlich, als es aus unerklärbaren Gründen zum Bruch dieser fragilen Ordnung kommt, im Angesicht der Kontrolllosigkeit vorgeführt. Akerman hat sich nie gegen diese Interpretation gewährt, auch ihr Langfilmdebüt „Ich, du, er, sie“ aus dem Jahr 1974 ist ganz bewusst von einem weiblichem Blick geprägt- und auch spätere Werke Akermans atmen den Geist des Feminismus, ohne dabei allerdings die Subtilität des Gezeigten einer simplen Botschaft oder einer Kampfansage unterzuordnen. Allerdings hat die Auteurin, die für „Jeanne Dielman“ ausschließlich auf weibliche Mitarbeiter hinter der Kamera zurückgriff, einer vorbehaltlosen feministischen Lesart niemals das Wort reden wollen.

Interpretation wird überflüssig gemacht


In der erschöpfenden Wiederholung von immer gleichen, im Grunde belanglosen Tätigkeiten an Orten, die dem Zuschauer durch sich ähnelnde (Stand-)Kameraperspektiven auf fast schon schmerzhafte Art und Weise näher gebracht werden, entsteht allerdings auch eine Einfühlungsperspektive, die jede tiefenpsychologische oder gar soziologische Interpretation über eine sehr überschaubare Anzahl von Codes (Kleidung, Wohnungseinrichtung etc.) entwickelt und zugleich die Veranschaulichung bzw. die Wirkung von Raum und Zeit zum Schlüsselprinzip der Seherfahrung macht. Vielleicht wollte Akerman vor allem eines erreichen: Interpretation überflüssig machen. Es gibt in „Jeanne Dielman“ nichts zu deuten (auch wenn die letzten zehn Minuten des Films natürlich auch heute noch für lebhafte Diskussionen sorgen und die Motive der Hauptfigur, eine Schere eben nicht für das zu verwenden, was sonst vollkommen logisch dafür vorgesehen ist, sondern als Waffe, unklar bleiben). Es gibt ja auch nichts, das erzählt würde, es sei denn man empfände die Ablauffolge des Alltags - das im Grunde nicht für eine interessante Geschichte verwendbare Material des häuslichen Existierens - als ein schlüssiges Narrativ. Aber das genau ist es eben nicht.

Die Größe von „Jeanne Dielman, 23, Quai du Commerce, 1080 Bruxelles“, der schon durch den nüchternen Titel seine reduktionistische Formsprache andeutet und die Beispielhaftigkeit der Handlung genauso behauptet wie Bresson mit "Au Hasard Balthazar", besteht darin, den Zuschauer in dieses nicht eine Sekunde langweilige Spiel mit einzubeziehen. Jeannes Körper, ihre Bewegungen, ihre Stimme, ihr lautes Schweigen, wird zur Chiffre für den Beobachter, der trotz des intimen Einblicks in das Leben eines Menschen nicht das Gefühl bekommt, als Voyeur beteiligt zu sein. Viele Male fährt die Protagonistin mit dem Fahrstuhl (der mit seinem dunklen Brummen, das bis in die Wohnung Jeannes vordringt, omnipräsent bleibt), viele Male öffnet sie im Hausflur den Postkasten (ohne darin etwas vorzufinden), viele Male säubert sie Geschirr, legt das Bett zurecht oder wäscht sich penibel.In der Repetition erschließt sich doch so etwas ähnliches wie ein Deutungshorizont.

Depressive Logik der masochistischen Selbstkontrolle


Chantal Akerman sagte zu ihrem Film einmal, dass er davon handele, wie ein Mensch die Zeit totschlägt, um seelischen Qualen aus dem Weg zu gehen. Natürlich lässt sich erahnen, dass es der Regisseurin - zur Entstehungszeit gerade einmal 25 Jahre alt und nach dem Film schlagartig weltbekannt - vor allem auch darum ging, eine tief verwurzelte (weibliche) Depression in schonungslose Bilder zu übersetzen. Der depressiven Logik, sich der schmerzvollen Erfahrung von Verlust, Scheitern und Erniedrigung zu entziehen und sie durch geradezu masochistische Selbstkontrolle  zu ersetzen, entsprechen so die minimalistischen, vollständig entschleunigten Bilder, in denen die Dinge die Herrschaft über die Seele eines Menschen gewonnen haben. All dies wird nur umso dringlicher gemacht, da Jeanne schließlich die Oberhand über ihr Leben verliert und in einem impulsiven Moment gewaltsam aus ihrem selbst geschaffenen Gefängnis ausbricht. Blutverschmiert sitzt sie nach ihrer Tat, auf die zuvor keine Einstellung des Films hätte vorbereiten können, in ihrem Wohnzimmer, nur vom Licht der Straßenbeleuchtung erhellt. Es spricht für die eindrucksvolle stilistische Geschlossenheit des Werks, dass auch dieser Gewaltakt auf geradezu introvertierte Art und Weise ausgeübt und von der Kamera eingefangen wird.

„Jeanne Dielman“ ist zugleich auch ein persönlicher Film, der im Gesamtwerk der Avantgardistin eine herausragende Rolle einnimmt. „Vielleicht ist dies ein Liebesfilm über meine Mutter“, ließ Akerman einst mitteilen, was auch in den Begleittexten der Retrospektive im Kino Arsenal erwähnt wird. Die Kuratoren legen Wert darauf, die Mutter-Tochter-Beziehung ins Zentrum der Nachbetrachtung zu legen  - was schon deshalb Sinn ergibt, weil dies fast in jedem der über 50 Werke der Belgierin in der einen oder anderen Form ganz konkret von Bedeutung ist. Akermans Mutter hatte Auschwitz und den Holocaust überlebt, doch darüber schwieg sie ein Leben lang. Möglicherweise also ist „Jeanne Dielman“ auch ein Film über das Schweigen, über die Unmöglichkeit des Sprechens angesichts eines unstillbaren, nicht ausdrückbaren Schmerzes.

Humanistische Erfahrung


Ob es sich dabei um ein zwangsläufig weibliches Schicksal handelt, bleibt dabei nicht die entscheidende Frage. Akerman sprach mehrmals davon, dass es in „Jeanne Dielman“ um die Biographie eines im Grunde lebensuntüchtigen Menschen geht, wobei es sich dabei auch genauso gut um einen Mann hätte handeln können. Die gesamte künstlerische Energie des Films geht von der konzentrierten Form aus, die jeglichen erzählerischen Ballast zugunsten einer ergreifenden, letztlich vollkommen vorurteilsfreien Sicht auf das (willkürlich?) gewählte Schicksal eines Menschen abwirft und dabei ergreifend einfach zeigt, was in anderen Kinofilmen eben nur eine flüchtige Randnotiz bleibt. Der Film wird so zu einer einzigartigen, humanistischen Erfahrung, die im Kino ihresgleichen sucht. Dass „Jeanne Dielman“ nur eine derart schmale Verbreitung gegönnt wird, darf getrost als echtes Trauerspiel bezeichnet werden.

15. August 2016

Vom Leben eines Esels (6)

Notizen zu Au Hasard Balthazar von Robert Bresson


Temps Mort. Die unerträgliche Zwangsläufigkeit der ablaufenden Zeit, die ein „Leben“ zu einem Schicksal macht. Mit Balthazar beobachten wir diese Zwangsläufigkeit.

1. August 2016

Vom Leben eines Esels (5)

Notizen zu Au Hasard Balthazar von Robert Bresson


Die reine, totale Verschränkung von Inhalt und Form führt in der Kunst erst zum Ausdruck, also zu einer Sprache, die dem Stoff gerecht wird, der für ein Werk bearbeitet wird, als auch dem Medium, mit dem gearbeitet wird. „Au Hasard Balthazar“ ist ein beeindruckendes Beispiel für die kaum ausgereizte Möglichkeit mittels bewegter Bilder eine Form zu finden, die einzigartig und so nur auf der Leinwand zu erleben ist. Filme wie dieser zwingen erst dazu, sich über die Ausdruckskraft des Kinos Gedanken zu machen. Aber nicht deshalb, weil in ihm möglichst viele Ausdrucksmöglichkeiten versammelt sind, sondern im Geiste einer radikalen Reduktion besonders wenige. In der Beschränkung entfaltet sich hier erst die Freiheit der filmischen Form.

10. Juli 2016

Vom Leben eines Esels (4)

Notizen zu Au Hasard Balthazar von Robert Bresson 

 

Warum ein Tier? Warum ein Esel? Ein Modell, keine Identifikation, kein erzwungenes (manipuliertes?) Mitgefühl. Wir müssen am Leben des Esels teilnehmen, nicht der Esel nimmt an unserem – von aufmerksamkeitheischender und mitleiderregender Kunst vollgestopften – Leben teil. Dieser Esel kann uns nicht belügen. Er kann nicht schauspielern, er kann nicht darstellen.

Er ist – Esel.

1. Juli 2016

Vom Leben eines Esels (3)

Notizen zu Au Hasard Balthazar von Robert Bresson


Kinematograph statt Kino. Modelle statt Schauspieler. Die ejakulative Kraft des Auges. Natürliche Stimme. Stimme und Gesicht. Kontinuierlich glauben. Unvorhersehbare Empfindungen. Allmacht der Rhythmen. Die collocazione der Bilder und Töne.  

Bresson über seine Filmkunst.

 

Balthazar wird angeschossen und stirbt auf einer Wiese im Angesicht einer Herde Schafe.

23. Juni 2016

Vom Lebens eines Esels (2)

Notizen zu Au Hasard Balthazar von Robert Bresson 


Da ist diese eine Szene: Der Esel Balthazar trägt Lasten über die Straße, da taucht Gerard, ein Kleinkrimineller, mit einigen Raufbolden auf. Sie sind auf Fahrrädern unterwegs und verspotten den Esel als Relikt einer vergangenen Zeit. Plötzlich fährt ein Auto vorbei, die Kamera folgt langsam dessen Weg und beobachtet, wie die Blicke der Jugendlichen dem motorisierten Gefährt staunend folgen.

9. Juni 2016

Vom Leben eines Esels (1)

Notizen zu Au Hasard Balthazar von Robert Bresson


Es gibt Lieblingsfilme, die muss man nicht erklären. Nennt man sie spontan oder aufgefordert, dann erntet man ein wissendes Nicken, meistens gefolgt von einer weiteren Liebeserklärung an den genannten Film. Es gibt aber auch Lieblingsfilme, für die man kämpfen muss, weil sie (leider) kaum ein Mensch kennt. Au Hasard Balthazar von Robert Bresson ist einer dieser Filme, um dessen Bekanntheitssteigerung gerungen werden muss.

Au Hasard Balthazar handelt vom Leben und Sterben eines Esels. Es hätte, so suggeriert der Titel, auch ein anderer Esel, ein anderes Tier oder sonst wer sein können. Wir sehen den (jungen) Esel, wie er liebevoll mit zwei kleinen Kindern namens Marie und Jacques herumtobt. Schnell wird klar, dass Balthazar zwar im Zentrum der Geschichte steht, die Kamera aber präzise das Leben der Menschen umkreist, die mit dem Esel in Kontakt treten – ihn streicheln, ihn quälen, ihn arbeiten lassen. Er wechselt mehrmals den Besitzer, bald wird er auch im Zirkus eingesetzt. Einmal kehrt er sogar an den Ort seiner Kindheit zurück.

Was der Film zeigt oder erzählt, ist gar nicht so wichtig. Viel bedeutsamer ist, wie er zeigt, wie er erzählt.

Man muss über Balthazar sprechen!

6. Mai 2016

Über die Liebe

Wer nichts weiß, liebt nichts. 
Wer nichts tun kann, versteht nichts. 
Wer nichts versteht, ist nichts wert. 
Aber wer versteht, der liebt, bemerkt und sieht auch... 
Je mehr Erkenntnis einem Ding innewohnt, 
desto größer ist die Liebe... 
Wer meint, alle Früchte würden gleichzeitig mit den 
Erdbeeren reif, versteht nichts von den Trauben.
Paracelsus

9. April 2016

Coldplay: Geschichte einer enttäuschten Liebe

Was ist nur aus dieser Band geworden, die einmal so treffend den „Trouble“ nach der verloren gegangenen Liebe besang, sich in die Gehirnwindungen eines Wissenschaftlers vergraben konnte, das erbarmungslose Verstreichen der Lebenszeit in eine grelle Klavier-Tanz-Nummer überführte und den Titel eines ihrer kürzesten und schönsten Songs dem goldenen Mantra eines Kultbuchs für Nerds und Studenten entlieh?

Ich muss zugeben, dass ich an Coldplay verzweifle. Ich kann nicht begreifen, wie es möglich sein kann, dass vier doch recht begabte Typen, die einen Haufen unsterblicher Lieder geschrieben haben, plötzlich aufgehört haben, Musik zu machen. Oder wenigstens Musik, die berühren will. Wie sensibel waren die Welt- und Selbstbeobachtungen dieser Band einmal. Inzwischen werden ihre Songs von einer selten geschmackssicheren Sentimentalität angetrieben.

Man nehme dagegen nur „Such A Rush“, einen der Tracks, den die Briten 1999 auf ihrer längst vergriffenen EP mit dem so wunderbar treffenden Namen „The Blue Room“ veröffentlichten: „Such a rush to do nothing at all“, singt, nein: fleht Martin zu kühlen, verhaltenen Gitarrenklängen, bis er von nervösem Schlagzeugeinsatz begleitet in eine immer dringlicher werdende Klage über die nur noch dem Geldfluss hinterhereilende Menschheit übergeht.
Coldplay, so scheint es, sind längst selbst diesem Geldfluss erlegen. Mit mehr als 80 Millionen verkauften Tonträgern gehören sie schon lange zu den Großen im Geschäft, deren Umsätze den Aktionären ihrer Plattenfirma zuverlässig eine schöne Weihnachtsdividende verschaffen. Zu den unangenehmen Folgewirkungen gehört es allerdings auch, dass man das der Musik von Platte zu Platte mehr angehört.

Von „X&Y“, der noch von melancholischen Hymnen bestimmten, eher luftigen als schwierigen dritten Platte bis zu „A Head Full Of Dreams“, dem nach Aussagen der Band möglicherweise letzten Album, kann man, von einigen Ausreißern abgesehen, die Entwicklung einer Gruppe beobachten, die ihre künstlerische Idee, ihr musikalisches Leitbild, zugunsten eines planlosen Zusammenquirlens von Popstandards und Performance-Trends vollkommen aufgegeben hat. 

Ich kann mich noch genau an diesen Moment erinnern, als ich das erste Mal „Don’t Panic“ hörte. Diese sanfte Schwermut, Chris Martins warme, sehnsüchtige Stimme, die gegen alle Widerstände des Lebens ausgerufene Hoffnung: „We live in a beautiful world, yeah we do“ – so einfach, so klar umschrieben Coldplay die nicht immer leichten Tage meines Teenagerdaseins. Ich fühlte mich verstanden. Anderen ging es wohl auch nicht anders; man muss sich nur noch einmal an die schöne Anfangssequenz von Zach Braffs „Garden State“ erinnern, wenn der einsame Held in seinem Bett mit weit geöffneten Augen an die Decke starrt und dazu eben „Don’t Panic“ erklingt. Mehr musste nicht gesagt werden.

Coldplay standen nie für komplexes Songwriting. Viele Texte sind sogar erschreckend schlicht. Nur besteht der Unterschied von sagen wir „In My Place“ und „A Head Full Of Dreams“ darin, dass das zur Schau gestellte Leiden an der Welt (vertont wohl auch durch Martins wolfsähnliches Geheul auf vielen früheren Liedern) nun der Feier eines mehr als einmal leeren (P)Optimismus' gewichen ist. Alles will hier bunt sein, groß, immer noch versöhnlich, doch eher auf eine alle Zweifel aus der Welt tänzelnde Art. Dabei ist es doch vor allem Martins mal wimmernde, mal energisch quengelnde Stimme, die das Markenzeichen der Band geworden ist. Aus irgendeinem Grund vertraut die Gruppe aber nicht mehr auf sein Stimmorgan – zuverlässig wird es in einer manchmal unerträglichen Sound-Sauce weich gekocht.

Als sich die Briten vor etwas mehr als 19 Jahren am University College in London kennenlernten, waren sie – nach eigener Aussage – eine Truppe von uncoolen Studenten, die eigentlich nicht wirklich Lust hatten, ihr Studium zu beenden (was dann auch keiner der vier tat). Stattdessen wollten sie lieber ihre Adoleszenz um ein paar Jährchen verlängern und gründeten etwas unbeholfen die Gruppe „Starfish“. Ein Name, der damals nicht wirklich zu ihrer von Echo & The Bunnymen geprägten Musik passen wollte. Deshalb hörte Martin auf den Rat seines Freundes Tim Rice-Oxley, seine Band in ‚Coldplay’ umzubenennen, weil dies doch wie die Faust aufs Auge zu den schwermütigen Klangteppichen und wehmütigen Balladen passen würde. Rice-Oxley wäre übrigens fast zum Keyboarder und fünften Mitglied der Band geworden, wenn er nicht mit Keane selbst den Weg in die Charts geschafft hätte („Hopes And Fears“).

Bis Coldplay mit „Parachutes“ aus dem Stand der Durchbruch gelang – 2000 brachte man schon beim ersten Auftritt auf dem Glastonbury mit „Yellow“ die Masse zum traumverlorenen Tanzen –, war es von Tracks wie „Ode To Deodorant“ (kein Witz!) zu tatsächlich gravitätischen Oden wie „Sparks“ein weiter Weg.

Diese Musik drückte mit jedem einzelnen Akkord aus, dass sie an all die vermeintlich Uncoolen, die Verlierer und Gescheiterten, die unverbesserlichen Weltschmerzler gerichtet war. 

Und wenn einige von Leonard Cohen, Neil Young, Nick Drake, Nick Cave, Elliott Smith und R.E.M. vielleicht noch nichts gehört hatten, dann ermöglichten Coldplay möglicherweise für mehr als nur ein paar Menschen den Einstieg in die Welt des tröstlichen Pop.
Ich kann mich noch sehr genau an einen Moment erinnern, der für mich auf ewig DER Coldplay-Moment sein sollte: Auf einer dieser schulischen Ski-Fahrten, bei denen man reichlich unsicher auf Brettern Abhänge hinunterschlittert, im Grunde aber eigentlich nur allabendlich versucht, leicht alkoholisiert dem anderen Geschlecht näher zu kommen, versammelte sich die Schülerschar in einer Art Dorfdisco. Nachdem die üblichen R&B-Nummern und auch „Smells Like Teen Spirit“ gespielt waren und das Abspielen der furchtbarsten Schlager noch einige Stunden entfernt war, erklang das Piano von „Clocks“. Auf einmal leerte sich die Tanzfläche und die Musik verhallte im Nichts. – Hätte man denken können. Doch während ich den Worten „Confusion never stops/Closing walls and ticking clocks /Gonna come back and take you home/I could not stop that you now know, singing“ lauschte und die Augen fest schloss, sah ich, als ich sie wieder für einen Moment öffnete, dass es nicht nur mir so ging. Doch das Parkett blieb leer. Die Traurigen tanzen nicht.

„A Rush Of Blood To The Head“ war schon eine Platte für alle – sie zwang aber der Mehrheit für einen Moment Festgesänge auf, die von den Gefühlen einer verunsicherten Minderheit kündeten. Da waren Songs mit so großartigen Titeln wie „God Put A Smile On My Face“ und introvertierte Balladen, die, warum auch immer, „Amsterdam“ hießen. Lieder, die man weinend hören konnte, wenn man von der Liebsten verlassen wurde. Oder unter dem Bettlaken, wenn die Welt sich wieder bedrohlich verschob. Man darf das nicht vergessen: Colplay konnten einmal große Dramen im Fünfminutenformat abliefern ("Politik") und Martin sang so banale Zeilen wie "Yeah the truth is/That I miss you so" derart beseelt, dass man dem Kerl diese Gefühle wirklich abnahm. Inzwischen heißen die Stücke „Fun“ und „Magic“ und Alben wie „Mylo Xyloto“ kommen mit blödsinnigen narrativen Konzepten daher. Dabei hatte Brian Eno ihnen doch beigebracht, nicht mehr gemeinsam zu Mittag zu essen und statt in Tönen in Farben zu denken.

Nach „Talk“ (mit dem Coldplay kongenial Kraftwerk beklauten) und „Fix You“ (dem reichlich angedickten Trennungsschmerztralala , das wohl auf ewig in den Playlists junger Liebender auftauchen wird) kann man durchaus verstehen, warum die Band im Anschluss an „X&Y“ versuchte, einen anderen Stil zu finden.

Vielleicht hatten die Musiker erkannt, dass ihr Weltschmerz schal geworden war oder die Emotionen, die sie aufriefen, eben nicht mehr der Realität von Millionären entsprach, die sie inzwischen längst geworden waren. 

Coldplay wurde schon sehr früh in ihrer Karriere attestiert, dass sie im Grunde das Zeug dazu hätten, die neuen U2 zu werden. Ganz unabhängig davon ob die Band sich das gut geölte Geschäftsmodell der Iren zum Vorbild nahm, um Musik für das große Publikum zu machen, orientierten sich Chris Martin, Guy Berryman, Will Champion und Jonny Buckland eher an A-ha – die sie auch gerne einmal coverten. Mit beiden Bands hat die Musik der Briten vor allem den Hang zur großen Geste gemein, der auf „Viva La Vida“ aus jeder Ritze quillt und selbst so kleine, unschuldige Lieder wie „Starwberry Swing“ mit Süßstoff verklebte.

Von nun an wirkte auch jeder Versuch, sich in der Musikgeschichte zu bedienen, entweder unfreiwillig komisch („42“ erscheint mit seinem Übergang von einem elegischen Popsong zur brüchigen Elektronummer wie ein übermotivierter, farbig geschminkter Bastard von Radioheads „Paranoid Android“) oder wurde gleich zum Fall für den Anwalt (Stichwort: Joe Satriani). Doch „Viva La Vida And Death And All His Friends“, wie das Album mit vollständigem Titel umständlich heißt – und so auch den Anspruch der Band manifestierte, Musik für jedes Gemüt zu machen –, war trotz einiger Geschmacklosigkeiten wenigstens noch keine schlechte Platte.

Ich habe nie verstanden, warum sich Coldplay nicht wesentlich mehr am Karriereweg ihres selbsterklärten Vorbilds R.E.M. orientiert haben. Michael Stipe und Co hatten es stets verstanden, selbst bei kontroversen Ausflügen in andere Genres ihre Identität zu wahren, in dem sie dabei vorsichtig, geradezu introspektiv vorgingen, sich auf bestimmte Themen konzentrierten und jedem Musiker genügend Raum ließen, eigene Ideen einzubringen. Im Rückblick gesehen vollbrachten sie dies mit einer geradezu beeindruckenden Folgerichtigkeit. Und deshalb gelang wohl auch der würdevolle Ausstieg aus der Musikwelt.

Man stelle sich nun nur einen Moment vor, dass Coldplay tatsächlich ernst machten mit ihrer Ansage, nach dem halbgaren „A Head Full Of Dreams“ aus dem Ring zu steigen. Dann bliebe das scheußliche „Mylo Xyloto“ (inklusive der platten Singles „Princess Of China“, Every Teardrop Is A Waterfall“!) und die gleichsam intellektuell wie emotional erschütternde Trennungs-Platte „Ghost Stories“ auf ewig bestehen. Hat sich Martin denn allen Ernstes nicht einmal „Blood On The Tracks“ von Dylan oder wenigstens „End Times“ von den Eels angehört, um das „concious uncoupling“ von Hollywood-Actrice Gwyneth Paltrow zu verarbeiten? Möglicherweise war er zu sehr damit beschäftigt, dem Goldkettchenklimpern irgendwelcher Rapper zu lauschen oder in kalifornischen Buchhandlungen nach Esoterikbänden zu stöbern.

Wenn Coldplay Liebeslieder schreiben (man kann es ihnen leider nicht verbieten), dann sind diese stets von sich selbst ergriffen. Wenn sie traurige Balladen produzieren (was sie inzwischen viel zu selten tun), dann sind diese in der Regel von ihrer eigenen Traurigkeit geradezu betrunken. 

Man könnte zynisch behaupten, dass das „Prinzip Coldplay“ längst entschlüsselt wurde und die einstigen Britpopper eben das beste aus ihrer Situation machen, seit sie von aller Welt kopiert werden. Aber das allein erklärt noch nicht, warum diese Band, die immer hoch hinaus wollte, die nicht nur großartige Singles veröffentlichte, sondern auch einen Haufen grandiose B-Sides in der Hinterhand hatte (man höre nur: „Crest Of Waves“, „For You“, „One I Love“, „I Ran Away“, „I Bloom Blaum“, „Help Is Round The Corner“…), plötzlich einfach aufhörte, Musik zu machen.
Ich muss gestehen, mir geht es inzwischen mit Coldplay so wie mit einem guten Freund aus der Kindheit, den man bei einem Klassentreffen wiedertrifft. Mittlerweile hat er, nach einer langen Leidenszeit als Single, eine Frau kennengelernt, sogar etwas überstürzt Kinder mit ihr gekriegt. Und nun will er partout nicht mehr über all das sprechen, das uns früher gemeinsam bewegte. Stattdessen erzählt er, dass er seit neustem Slowfood zubereite, jeden Morgen jogge und mit dem Gedanken spiele, einen Straßenköter aus einem rumänischen Zwinger für den Eigenbedarf befreien zu lassen. Und wenn er das erzählt, scheint er von sich selbst ergriffen zu sein. Irgendwie, das verdeutlicht jede seiner trotz allem vorsichtigen Bewegungen, will er unbedingt cool sein. Man will diesen Typen schütteln und tut es dann nicht, weil doch all die schönen Momente der Vergangenheit zu sehr haften geblieben sind, um sie für einen lausigen, ätzenden Kommentar an einem viel zu langen Abend aufs Spiel zu setzen. Stattdessen wird man seltener anrufen, bald nur noch ein-, zweimal im Jahr. Kein Bruch, weil er eben nicht nötig war. Aber das bittere Flimmern einer enttäuschten Liebe.

Coldplay haben angedeutet, dass nach „A Head Full Of Dreams“ doch noch weitere Platten folgen könnten. Vielleicht finden sie ja zurück zu ihren musikalischen Wurzeln. Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Auch wenn es schwer fällt.

ROLLING STONE (Zuerst erschienen im Dezember 2015)

19. März 2016

Danke, Lisa!

Lisa, ich mag dich. Lisa, ich brauche dich. Du warst immer Vorbild, wenn auch manchmal ein schräges. Noch viel mehr: Du warst mir immerzu Hoffnung, denn du hast bewiesen, dass selbst unter dem größten Schwachsinn Geniales wachsen kann. Oftmals erschienst du mir als bornierte Streberin, die mit guten Schulnoten ihr Außenseiterdasein zu überwinden versuchte. Da hatte ich aber noch nicht verstanden, wie mutig du bist. Wie schwer hat man es als mittleres Kind zwischen einem großen Bruder und einer kleinen Schwester; der eine ist ein Versager und hat nur Unsinn im Kopf, die andere robbt sich stillschweigend durch ihre eigene Welt.

Du warst den Feministinnen dieser Welt, ohne damit auch nur eine Sekunde zu prahlen, ein größeres Vorbild als jede Frauenrechtlerin. Nicht einen Moment akzeptiertest du, nur weil dein Vater ein Trottel und deine Mutter Hausfrau ist, dass dies für dich ein Nachteil sein könnte. Nicht einmal depressive Lehrerinnen, denen dein strebsamer Furor auf den Wecker fiel, haben dich bisher aufgehalten. Ganz nebenbei hast du bewiesen, dass man von gewalttätigen Cartoons nicht zwangsläufig verblöden muss.


Lisa, es gab Zeiten, da nannte man Menschen wie dich Sonderlinge. Heute nennt man sie Nerds. – Und sie beherrschen die Welt. Sicherlich hättest du auch zu ihren Weltübernahmeplänen (Facebook und Co) einen ironischen Kommentar parat.

Trotzdem ist das Leben als kluge, selbstbewusste Frau im Alter von nur acht Jahren kein Zuckerschlecken. Das hast du mehr als einmal durchscheinen lassen. Dass du dies in einer Welt, die korrupten Politikern blind vertraut, Radioaktivität in der Nachbarschaft sorglos hinnimmt und jedem Scharlatan nur zu gerne in die Arme rennt, stoisch erträgst, macht dich zu meiner Heldin.

Danke, Lisa!

26. Februar 2016

Absurdität

Je absurder es auf der Bühne zugeht, umso natürlicher und verdaulicher erscheint uns die Wirklichkeit, was natürlich ein Vergnügen ist, man braucht sich mit der Wirklichkeit beispielsweise unserer politischen Verhältnisse gar nicht zu befassen. Wenn ich Diktator wäre, würde ich nur Ionesco spielen lassen. 
Max Frisch

15. Januar 2016

Kennenlernen

Man weiß nichts über einen Menschen, bis man ihn in die Enge treibt.