4. August 2014

Angstblüten: Atemlos

Abécédaire der Albtraumgewächse

 

Atemlos 

Dieses Gefühl, kurz bevor die Narkose einsetzt. Der Körper ist elendig schwer geworden, da pumpt etwas durch die Venen, ein leichtes Kribbeln, das in den Beinen beginnt und sich plötzlich in den Kopf zu fressen droht. Dann: Keine Luft mehr. Schwarz.
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Als kleiner Junge sprang ich gerne ins Bett und hob die Decke wohlig über meinen ganzen Körper. Versteckt. Versunken. Eingehüllt. Irgendwie im Weltall oder am Meeresgrund oder in einer Höhle – stellte ich mir vor. Und wartete, bis die Luft immer stickiger wurde, sich verzog, nur noch schneidend eng in die Lungen gepresst werden konnte. Keine Luft mehr. Dann, das Gesicht schnell unter einem Deckenspalt ans Licht gerettet; kühler, gütiger Sauerstoff. Wie oft habe ich dieses Spiel gespielt. 
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 Die Vorstellung, im Restaurant zu sitzen und plötzlich schneidet die Grete eines Fischs, sie muss so groß sein wie ein Hühnerknochen, ins hauchdünne Halsfleisch. Röcheln, ächzen. Keine Luft mehr. 
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Immer den Finger auf der Öffnung einer Cola-Dose. Es könnte ja unbemerkt eine Wespe eingedrungen sein und mit einem flinken Stich den Hals zuschnüren. Keine Luft mehr.
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Air...Air Hit me in the face 
I run faster 
Faster into the air (I say to myself) 
What is happening to my skin? Where is that protection that I needed?
Air can hurt you too 
Air can hurt you too 
Some people say not to worry about the air 
Some people never had experience with... Air... 
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Irgendwann einmal waren all die Bilder für Erwachsene noch Bilder für Erwachsene. Der Versuch, sie zu erhaschen, und sei es nur in einer Zeitschrift oder in einem Buch ganz in der Öffentlichkeit versunken, ließ mich nach Sauerstoff geradezu kreischen. 
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Ich habe Angst vor dem Moment, kurz bevor die Lebensgeister weichen werden, denn ich befürchte, egal wie das Ende sich verfängt, ohne Atemlosigkeit wird es nicht gehen.