25. März 2009

Warum läuft Tim K. Amok?

Die vielleicht ergiebigste Auseinandersetzung mit dem grausig-widersprüchlichen Phänomen Amoklauf an Schulen hat Gus Van Sant mit dem Film Elephant betrieben. In einer Art geschichtslosem Drama, in dem die Protagonisten auftauchen und verschwinden bzw. erschossen werden, ohne dass man sie als Personen auch nur annähernd kennen lernen könnte, wird niemals klar, warum oder wieso irgendetwas passiert. Es bleibt unverständlich, warum gerade das immer wieder gehänselte Mädchen gerichtet und warum ein anderer Junge, der gleich daneben steht, verschont wird. Van Sants Film ist ein Experiment einer absoluten Anonymisierung der Darstellbarkeit. Es ist der Versuch, das mediale Phänomen des Amoklaufs durch eine Exorzierung des Medialen zu veranschaulichen. Keine Erklärungen.

Der Film ist als Experiment letztendlich doch nicht gelungen, weil er sich noch in den letzten Minuten in die Täter hineinzudenken versucht und dadurch Interpretationen zulässt (So verdeutlichen zärtliche Berührungen der späteren Attentäter unter der Dusche, dass vielleicht Angst vor der Auslebung eigener (Homo-)Sexualität eine Erklärung sein könnte. Man darf hier aber durchaus auch das Interesse des Regisseurs für ähnliche Sujets homosexueller Identitätsfindung von Malanoche bis Milk als Grund anführen.), die gerade vermieden werden sollten. Das Scheitern des Films ist aber in Wahrheit ein Gewinn – weil dadurch die entscheidende Frage nach der Interpretationslast gestellt wird. Wie hätte Van Sant seinen Film noch verwirklichen können? Er hätte nur Einblicke in die Lebenswelten seiner späteren Opfer abfilmen können und dann als letzten Akt die aus dem Nichts kommenden Attentäter und ihre fatale Mordlust dokumentarisch und steril darstellen können. Dann wären die Täter nichts anderes als stumme Phantome aus dem Unbewussten. Van Sant hätte auch ganz ruhig und kommentarlos, vielleicht ebenfalls dokumentarisch, die letzten Stunden der Täter filmen können, doch welche Bedeutung hätte dann die Tat für die Opfer und ihre Angehörigen? Die Einseitigkeit der Darstellung würde den Film unglaubwürdig machen und ein vielleicht gar nicht intendiertes Identifikationspotential heraufbeschwören. Man hätte auch nur die Tat in Echtzeit bebildern können – doch was wäre der Film dann, wenn nicht eine andere Form eines Ballerspiels?

Weil die Erklärungsstrategien mit jedem weiteren Todesakt, der sich blutig in die Geschichtsbücher (das sind die Bildarchive der Fernsehsender und die selbstständig virtuell erstellten Handlungsorte in einschlägigen Videospielen) einschreibt, weniger greifen – der latent aggressive, außenseiterhafte Einzelgänger war Tim K. gerade nicht! – bleibt am Ende nur der entsetzliche Schrei nach dem Warum? Dieses Wort ersetzt jeden Gedanken über die Gründe einer solchen Tat, weil es vorschnell das Scheitern der Auseinandersetzung mit vorgeblich unerklärlichen Phänomenen ausruft. Wie konnte das passieren?; Warum haben wir davon über all die Jahre nichts bemerkt?; Was kann zu solcher Verzweiflung treiben? – alles Fragen, die sich um dieselbe Ratlosigkeit nach dem Motiv drehen. Dann folgen die immer wieder bewährten Konfliktbeseitigungsstrategien. Als noch nicht einmal klar war, ob der Täter überhaupt schon tot ist, meldete sich die Bundesfamilienministerin zu Wort und dozierte von den immergleichen Frühwarnsystemen zum Schutze der Gesellschaft.

Was Van Sant mit seinem Film aber darzustellen wusste, ist die Tatsache, dass es eigentlich kein Motiv gibt oder dass es, wenn es doch existieren sollte, keine Rolle spielt. In Wahrheit ist jeder Amoklauf eine Wiederholung eines anderen; eine Verbesserung des High-Scores, um es ganz zynisch in der Videospiel-Sprache auszudrücken. Oder anders: Amoktaten und ihre Erklärungsversuche befinden sich in einer entsetzlichen Spirale. So gleichen sich die Bilder und so gleichen sich die hilflosen Interpretationsversuche. Eine große Geschichte fataler Destruktivität wird hier mit entsetzlich narzisstischer Energie immer weiter fortgeschrieben. Aber ihre Erklärung finden solche Taten immer schon im Ausdruck der Hilflosigkeit, die jeder Interpretation zugrunde liegt. Das ist das Aufregungspotential für jede weitere Tat. Eine Schockgarantie, wenn man es so ausdrücken will.

Den Titel seines Films, Elephant, hat Van Sant einem Kurzfilm von Alan Clarke entliehen. Der deutschen DVD-Version von Arthaus – wohlgemerkt der Ausgabe ohne Jugendfreigabe – ist er als Extra hinzugefügt. In quälenden, ästhetisch aber äußerst ausgefeilten Episoden erschießt irgendein wildfremder Täter an irgendwelchen wildfremden Orten in Irland und Nordirland einen wildfremden Menschen. Es ist ein ewig wiederholtes Grauen, stets ähnlich in Dramaturgie und filmischer Darstellung, die hier den Irland-/Nordirland-Konflikt atemlos verdeutlicht.
Keine Erklärungen. Nur Bilder. Nur Grausamkeiten.
Wie betäubt verharrt die Kamera auf dem leblosen Opfer, bis eine neue Szenerie mit demselben Ziel angefügt wird. Unerträgliche 40 Minuten lang. Das ist die Wahrheit hinter der Gewalt; dass sie zwar bildlich darstellbar ist, aber jedes Bild der Gewalt nur noch einmal den gleichen Akt herausfordert. Nur origineller, ästhetischer, unvorstellbarer.

Die vielleicht aussagekräftigste Pointe im Fall Tim K. setzten die Kriminalermittler selbst, in dem sie blind einer wohl gefälschten Nachricht Glauben schenkten, die als Warnung des Attentäters nur einen Tag vor der Tat alles hätte erklären oder wenigstens voraussagbar hatten machen können. Es wäre jener wundersame, dringend benötigte Beweis gewesen, dass alles geplant und durchdacht gewesen sei. Doch hielten de Ermittlungen noch weitere Lektionen bereit. Nicht auf der Spur des Täters begibt man sich, sondern auf die Suche nach der Silhouette eines Typus – des Amokläufers. So waren die ersten Informationen über den Menschen Tim K. jene nach seinen bevorzugten Computerspielen. Die Untersuchung seines Zimmers dürfte sich auf die Musikvorlieben und den Kleiderschrank beschränkt haben. Es ist ähnlich wie bei einem Kranken. Nicht der Mensch gilt dem Arzt als entscheidendes Kriterium, sondern die Summe der Symptome, die aus einem klagenden Menschen einen kranken Menschen machen könnte.

Jeder Amokläufer greift mit seinen Mitteln Gesellschaft, Staat und Menschsein an. Es gibt gerade deshalb keine Erklärungen für diese Taten, weil ihr narzisstisches Ideal die Darstellung der Handlung – die Nachricht über die Tat – perfide mit einplant. Der Suizid als letzter krönender Akt des nihilistischen Sieges über die von anderen auf den Täter ausgeübte Macht, verunmöglicht Aufklärung. Statt durch Fragen Antworten zu erhalten, mag der einzige Weg zum Verständnis solcher Nekrophilismen wohl die Suche nach Antworten sein, um Fragen zu stellen. Die Geschichte des Amoklaufs hat sich von seinen Ursprüngen unter malaiischen Stämmen bis zur zynischen Rache an ehemaligen Arbeitgebern (vorwiegend in Postämtern – was die Taten zu postal shootings, medial also eindeutig codierten Taten machte) nun zu den so genannten school shootings ausgeweitet.

Vielleicht waren jene zentralen Orte der Bildung niemals Plätze der Ruhe. Um genau zu sein waren sie immer schon grobe Machtapparate, die Individuen zu folgsamen Bürgern korrumpierten. Aber möglicherweise ist das Problem gerade, dass in der Diskussion um die Schulen viel zu sehr das System Schule mit all seinen Facetten im Mittelpunkt steht und viel weniger die Schüler. Mit Rücksicht auf all die politischen Korrektheiten und menschlichen Freiheiten für die man im letzten Jahrhundert Blut vergossen hat, verliert man nun den eigentlichen Kriegsschauplatz aus den Augen. Längst ist die Schule eine Bildungsfabrik und Sozialisationsanstalt. Einerseits werden die Schüler punktuell auf ein Leben als flexible, konzentrationswillige, gestaltungsfähige Arbeiter vorbereitet. Andererseits übernehmen die Lehrer eine Aufgabe, die eigentlich von Eltern getragen werden müsste: sie lehren die Unaufmerksamen in Aufmerksamkeit, vermitteln Werte, bestrafen Fehlverhalten und Disziplinlosigkeit – und müssen dies auch noch ganz körperlos und mithilfe von symbolischen Gesten tun. Die Erziehungsberechtigten hingegen kümmern sich vornehmlich um die Entwicklung einer stabilen, individuellen (konkurrenzfähigen) Persönlichkeit. Das spüren die Schüler nicht nur, sie nehmen diesen Wettbewerb auch lebhaft an. Die wirklichen Schindereien gehen deshalb nicht mehr von der durch die 68er-Bewegung zu aseptisch dozierenden und strafenden Bildungsmanagern kastrierten Lehrerschaft aus, sondern von den über- und unterprivilegierten Schülern. Die einen quälen aus Langeweile, die anderen malträtieren ihre Mitschüler, weil sie nur so noch mit Aufmerksamkeit belohnt werden können. Denn diese benötigen sie alle. Nichts ist in dieser heutigen Zeit wichtiger als permanentes Interesse. Deshalb funktioniert das Außenseiter-Argument so gut in der Amokläuferdebatte. Es verklärt die Tat zu einem verzweifelten Hilfeschrei nach Aufmerksamkeit.

Gerade dieser Gedanke ist falsch. Hier bettelt kein einsamer Mensch um ein wenig Freundlichkeit, in dem er voll Hass das Gegenteil vollzieht. Viel mehr ist es der sehr bestimmte und von einer glasklaren Logik getragene Versuch, Anerkennung zu „erarbeiten“, die dem Täter ermöglicht, den letzten feuchten Traum des Narziss’ zu erfüllen: Eingetragen in die Geschichtsbücher; Teil einer großen Bewegung, die kein Manifest benötigt und deren einzige Regeln symbolischer Natur sind; frei von Verantwortung für das eigene Handeln und seine Folgen; unbewusstes Vorbild für unzählige Rächerfantasien und tatsächliche Mordpläne. Die Vorzeichen würden sich erst ändern, wenn ein Attentäter unversehrt überleben würde und festgenommen werden könnte. Doch diese Situation ist im Bauplan des Amokläufers gerade nicht vorgesehen. Die Tat steht für sich, die Selbsttötung ist Teil davon.

Wenn Van Sant etwas beweisen wollte mit seiner Versuchsanordnung über das Morden an Schulen, dann ist es die Erkenntnis, dass solche Taten nicht verhindert werden können. Sie sind die Konsequenz einer Ersatzrealität, die im medialen Diskurs erschaffen wird. Es bleiben nur noch künstliche Chiffren zur Identitätsausbildung bei gleichzeitigem Persönlichkeitsentwicklungszwang. Der Amokläufer ist eine dieser Chiffren und deshalb erfolgreich. Er ist subversiv ohne subversiv sein zu wollen, denn die Aufmerksamkeit, die er erregt und die unsere Gesellschaft immer wieder auf den Prüfstein stellen muss, hat keinen weiteren Zweck als eben jene Aufmerksamkeit selbst.

„Von dem könnte ich mir auch vorstellen, dass er bald einmal mit Waffe in die Schule kommt“, heißt es nicht selten in so mancher Konversation über den einen oder anderen Mitschüler. Solange den Jugendlichen nicht mehr zugeschaut wird, ihre Sorgen und Nöte nicht ernster genommen werden als ihre von einer hedonistischen Konsumgesellschaft hervorgerufenen Wünsche, solange keine Vorbilder mehr existieren, die alternative Wege der Lebensbestimmung aufzeigen, wird sich die Frage nach dem Warum immer wieder stellen.

In Elephant sehen wir vorbehaltlos und ohne Unterhaltungs- oder Aufklärungszweck Teenagern beim Teenagersein zu. Das ist eine Erfahrung, die zuweilen verstören kann, denn es ist auch eine Auseinadersetzung mit Unfertigkeit, Sehnsucht, Verletzlichkeit, Ungehorsam, Einsamkeit und vor allem Unbestimmtheit. Diese Vorzeichen zuzulassen, sie medial auch zu vergrößern – sie also als Lebenskonstanten den High School Musicals und Counterstrikern, den Starschauspielern und Supersängern entgegenzuhalten –, anstatt sie mit Vorstellungen von vermeintlich erfolgreichen Sozialmodellen und Persönlichkeitsstereotypen zu konterkarieren wäre eine notwendige, gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Dann, wenn sich die vielen an Erschöpfung durch den Authentizitäts- und Persönlichkeitszwangs erkrankten jungen Menschen wieder als Entwickelnde erfahren, deren Leben zu Teilen bestimmt und zu Teilen bestimmbar ist, wird das Phänomen des school shootings genauso schnell verschwinden wie einst auch das der Amok laufenden Postangesetellten.