24. August 2008

4 Wochen

Praktikum. Rundfunk. August – September.

Vor der Tür stehen, noch einmal einen tiefen Atemzug wagen, dann klopfen, einen Schritt hinein, lächeln und die immer gleichen Sätze, vielleicht ein wenig flüssiger, mal holpriger, aber immer mit einem anderen Namen versehen. So beginnen abermillionen Praktikumsversuche – so startet meine Hospitanz, an deren Ende so etwas wie Erfahrung stehen mag, im günstigsten Fall sogar etwas mehr.

Ein Lächeln wird mir erwidert. Von diesem Moment beginnt das Spielchen, das vom Zeitpunkt des Nabelschnitts an immer gleich abläuft. Neue Gesichter, neue Namen, viele Hände, die geschüttelt werden wollen, mal kräftig, dann sanft – doch immer anders. Ich bin schon zufrieden, wenn nur zwei, drei Namen nicht verfliegen würden. Dann schon sitze ich an meinem Arbeitsplatz. Wie schon so viele vor mir; wahrscheinlich jeden Monat ein anderer Name, ein anderes Lächeln, eine andere Stimme.

Verspielte, warme Worte zum Einstieg. Man will den Neuen nicht verschrecken. Erst mal beobachten, eingewöhnen, nicht zu viel verlangen. Ein Witzchen zum Aufwärmen. Sie werden schärfer werden. Ich stelle Fragen um Fragen und geduldig werden sie mir alle beantwortet oder abgetan. Eine völlig fremdartige Welt für mich, die von mir bestaunt wird und für all die anderen nur Alltag ist. Sei bitte morgen um 9 hier. Kein Problem, natürlich, entgegne ich. So schnell als möglich entschwinden aus dem Neuen, hinein in die Routine, die neben ihrer schrecklichen Borniertheit auch die Sorgenlosigkeit kennt. Es war gestern so, es wird auch heute so sein.

Nicht nur neue Menschen, auch neue Techniken. Ein Tonschnittprogramm, flugs erklärt und rapid präsentiert, so dass keine Zeit bleibt, es zu verstehen. Ein Aufnahmegerät – der Phallus des Journalisten (Impotenz droht bei leerem Akku) – muss aufgetrieben werden. Ich besitze es für 4 Wochen. Ein flaumweicher, königsblauer Schaumstoffbezug kennzeichnet mich als Ein-Mann-Armee des Senders, für den ich 31 Tage unentgeltlich arbeiten soll. Neben dem Gerät steht mir eine Vielzahl an Zubehör zur Verfügung. So zahlreich, dass es in einem schweren Koffer verstaut werden muss. Mein Koffer.

Und es sind so unterschiedliche Menschen, mit denen man arbeitet. Sage ich Menschen? Es sind Typen. Man kennt sie alle schon. Der Zyniker, der Charmeur, der Chaot, die Emanze, der Coole, Lässige – der lockere Chef mit den chauvinistischen Witzchen. Manchmal wundert man sich, wie ein Haufen so unterschiedlich denkender und fühlender Menschen miteinander arbeiten, geschweige denn leben kann. Aber oftmals heißt dies vor allem Arrangement.

Die ersten Aufgaben: Umfragen. Bei Regen wildfremde Menschen zu ihren liebsten Nudelgerichten befragen. Anfangs stehe ich wie ein Clown im Nass, bewege mich ungelenk im fremden Terrain, ernte Verschmähungen, desinteressierte oder gar böse Blicke. Doch mit den ersten akkumulierten Erfolgen, einer sich immer mutiger windenden Stimme gelingt diese erste Herausforderung. Hoffentlich spielt die Technik mit; die Achillesferse einer solch denkbar einfachen Aufgabe. Aus zwei Stunden Aufmerksamkeit werden Klangschnipsel zu einer Minute Länge gebastelt. Erzeugnisse.

Nicht lang, dann sitzt man in der Karre des Außenreporters. Jeden Tag woanders, Geschichten erzählen, Menschen begegnen. Lärmbelästigung durch eine Schotterfirma. Nur gibt es keinen, den das stört. Aber eine Story funktioniert so nicht. Also stehe ich vor den Türen von mir unbekannten Menschen, die ich wohl auch nie wieder sehen werde, und frage nach Befindlichkeiten. Bis mir einer ins Gesicht blökt, wie sehr ihm der Krach in die Ohren kriecht. Dafür können Stunden vergehen. Der Beitrag, der für 12 Uhr fertig werden soll, ist auf 16 Uhr verschoben – später wird er sogar auf den Folgetag verlegt. Zwischen Recherche, Erstellung des Beitrages, Schnitt und Endproduktion vergehen mehr als 7 Stunden. Schlussendlich bleiben 3 Minuten.

Mit Kleinigkeiten kann man niemanden beschäftigen. Deshalb bleibt den von Praktikanten gequälten Redakteuren auch nichts anderes, als dem Eleven eine Aufgabe zu geben, zu der er nicht nur 20 Minuten später nach einer anderen fragt. Selbstständig recherchieren, mit Menschen Kontakt aufnehmen, die etwas erzählen können. Ich gelange zu dem, das für all die anderen in dem Raum, wo ich sitze, entsetzlich normal ist. Für mich ist es neu und eine Herausforderung, die ich gerne und mit aller Energie, die mir zur Verfügung steht, annehme.

Seit Jahren habe ich wieder einen Rhythmus. Jeden Tag um 7 Uhr aufstehen, Radio hören, tatsächlich frühstücken. Ich schmunzle, als ich am Samstag, an einem freien Tag, um 7 Uhr erwache. Noch vor meinem Wecker.