10. Dezember 2007

Wer Menschen einstellt, darf sie auch feuern

Der Film des Jahres 2007 heißt Import/Export.
Nicht weil er der beste ist oder der bedeutendste, vielleicht gar der zeitgeistigste, sondern weil er wie kein anderer Film in diesem Kinojahr den Finger am tiefsten in die Wunde legt.

Import/Export gehört zu den Filmen, die man kaum ertragen mag. Hier wird das nackte, blanke Leben einer globalisierten Welt zur Schau gestellt. Und dieses Leben erstickt in der Gegenwärtigkeit des alltäglichen Elends. Ulrich Seidl ist, was dies betrifft, ein chronischer Pessimist – schon deshalb, weil er als (scheinbarer) Dokumentarfilmer begann (z.B. Tierische Liebe, 1995). Seine Spielfilme wie Hundstage und eben Import/Export sind aber ebenso dokumentarische Vexierspiele, von dem Blick desjenigen Beobachters getrieben, der die Realität realer als real abbilden will. Kein Abblenden, sondern Draufhalten.

Das zeichnet auch Import/Export aus. Es ist die Geschichte der Krankenschwester Olga, die in der Ukraine Mutter und Kind verlässt, um in Österreich mit ausbeutenden Arbeiten Geld verdienen will – bei wohlhabenden Damen putzt, später dann in einer geriatrischen Klinik arbeitet und dort erleben muss, dass ihre Erfahrungen als Krankenschwester nichts zählen, wenn man als Putzfrau arbeitet.
Es ist auch die Geschichte von Pauli, einem jungen Wiener, der nach Arbeit sucht – als Sicherheitsbeamter eine solche findet und dort schon nach kurzer Zeit von einer Jugendbande gedemütigt wird –, sie bei seinem Stiefvater findet, mit dem er nach Osteuropa reist, um dort Kaugummiautomaten aufzustellen. Dabei muss er die demütigenden Spiele seines Stiefvaters beobachten, der sich vor allem die Frauenjagd zum Ziel gesetzt hat.
Es ist die Geschichte einer grenzenlosen Welt.

Man kann die Szenen von Olga und Pauli, die sich abwechselnd aneinanderreihen (aber nicht zur Überkreuzung gelangen – wie so oft im gegenwärtigen Kino), kaum beschreiben, ohne auf das Explizit-Vulgäre hinzuweisen, das die Bilder immer wieder bereithalten. Karge Szenarien aus Osteuropa (Müll, der sich in den Straßen einer slowakischen Stadt türmt) mengen sich mit solchen aus dem vermeintlich noblen Wien, wo ein mondänes Präkariat in selbstgefälligen Posen ums Überleben kämpft, wo eine schmierige Mittelschicht die Arbeitsbedingungen der Zukunft festlegt und wo eine gelangweilte Oberschicht die arbeitsbedürftigen Menschen demütigt und quält. Wir sehen Vaginen in Webcamsexgeschäft, wir begleiten Paulis Stiefvater, wie er eine auf Geld hoffende tschechische Prostituierte nackt wie eine Hündin über den Boden schlurfen lässt („Schau, die Macht des Geldes“), nur damit sie dem Aufschneider dann eine kurzlebige Fellatio verpassen darf. Aber wir sehen, was noch viel schlimmer ist, wie hilflose Menschen, dem Tode nahe, in einem Hospiz wie Säuglinge behandelt werden. Knallharte, laute Sätze wie jene der Mutter, die beobachtet, wie die Haushaltshilfe Olga (die überdies in der Waschküche nächtigen muss) sich mit ihren Kindern anfreundet und sie dann entlässt („Wer Menschen einstellt, darf sie auch feuern!“), wechseln sich ab mit stillen Momenten der tristen Beobachtung von zumeist burlesken Szenen. Szenen, die ein Lachen provozieren, das vom Über-Ich sogleich wieder kastriert wird.

Import/Export ist vielleicht Sozialpornographie. Oder aber gerade Sozialpornokratie.

Während der Alltag der im Elend lebenden im Fernsehen mit emotional wertender Musik überarbeitet wird, und die prinzipielle Rettung durch Hilfsinstanzen (moderne Engel) möglich erscheint, bleibt bei Seidls Film nur die stumme humanistische Hoffnung, die trotz der derben, klaren und wegen ihrer expliziten Darstellung kaum zu ertragenden Bilder möglich erscheint, dass die von der Gesellschaft Ausgeworfenen sich trotzdem Ideale bewahren können, welche sie vor dem Elend schützt. So erkämpft sich Pauli noch in Tschechien den Weg in die Freiheit und will eigenständig auf Arbeitssuche gehen.
So erfüllt die Putzhilfe Olga in der Klinik einem sterbenden Menschen noch einige letzte Wünsche und ist in der Lage um ihn zu trauern.

In einem Film wie Import/Export ist der vom Kino beschworene Trauerprozess, der entweder banal oder verlogen ist, unmöglich gemacht. Das eint Seidls kulturpessimistischen Film mit solchen von Dumont, Haneke, auch mit den Gebrüdern Dardenne, die sich des Lebens der Außenseiter und Ärmsten angenommen haben. Und sie alle beobachten, bewerten nicht, sondern richten den Blick auf das, was zerstörerisch wirkt. Während Seidl unfreiwillige Komik als konterkarierendes, letztlich aber befreiendes Element der Realitätsdarstellung wählt (und so, möchte man hoffen, das dokumentarische Geschehen zum Spielfilm erhebt), bleibt bei Dumont (Twentynine Palms, L’Humanité) nur noch erschreckende Lähmung ohne Kern, ohne Ziel. Die Dardennes finden hinter der scheußlichen Gegenwart so etwas wie Vergebung und Mitleid (LÈnfant, Le Fils) – bei Haneke steht die westliche Kultur in Verruf, sich selbst zu zerstören.

Filme wie Import/Export sind radikale Seherfahrungen. Sie nähren sich, so Seidl, nicht aus dem Aufklärungsverlangen desjenigen, der die harte Realität beobachtet und durch Mitleid zum besseren Menschen wird. Vielmehr wird nur dargestellt, was ist, was beschämt, was zum Wegsehen anregt – weil es zu direkt, zu trist, zu obszön ist. Dieser Weg mag kritisch betrachtet werden, weil er – sozialpornographisch? – die Welt der Hilfsbedürftigen und generell von der Gesellschaft verstoßenen Menschen beäugt, um die Hölle um uns herum zu schildern. Aber dieser Weg ist auch ein direkter, unverblümter, der neben seinem Schockpotenzial (das man in Deutschland gerne als intellektuellen Sprengstoff für vornehmlich gebildete Rezipienten wahrnimmt) auch den Blick ins Innere über den Umweg des Äußeren (Seidls bevorzugte Kameraperspektiven sind beobachtende, manchmal skurrile Totalen) gewährt.

Dieses Hardcore-Kino, das seine Grenzen immer wieder neu auslotet, sich so sehr „unfilmisch“ gibt und von dokumentarischer Schärfe ist, mag dem anspruchsvollen Kino als präsentestem Suggestivmedium die Existenzberechtigung geben, das es in der Gegenwart dringend benötigt.