18. Dezember 2007

Momente MMVII

Schlaflose Märznächte

Manchmal treiben die Gedanken und Träume seltsamste Blüten. Sie verhindern den Schlaf und schenken bündige Inspiration. So erging es mir in diesen magischen März-Wochen dieses Jahres in Berlin (das so zum Reservoir der Erholung wurde). Jedes noch so kleine Kunst-Spiränzchen (Schreiben, Sehen, Fühlen, Sprechen, Denken) konnte mich zu neuen Gedanken führen; die Arbeit für die Universität schwebte federleicht dahin und fast spielerisch gelang der atemlose Gedankenaustausch mit Familienmitgliedern und Freunden. Elegante Melancholie, oftmals aber erhabene Ruhe für mich selbst und meine Sinne. Die Musik dieses aufbrechenden Monats: Arcade Fire und ihre Neon Bible; weil die Platte grandios ist, und ich sie live sehen wollte – es aber nicht konnte.

Goldenes M

Stundenlange Gespräche, unschätzbare Dialoge voller komischer Pointen und subtiler Analyse des Gegenüber: Bei McDonalds zur Ruhe kommen, mit einem Freund das Leben deklinieren. Heute ist für mich dieser Ort kein Fresstempel mehr, sondern ein Sinnbild für den Austausch von Freude, Spott und sanfter Wut auf den gedrängten Alltag. Freudvollste Stunden habe ich hier verbracht genauso später noch ein paar Meter vor meinem kärglichen Zuhause, wo sich alle Verrücktheit dieser Welt in den feinsinnigsten Dialogen entspinnen sollte, im Auto. Das hat mein Leben ein wenig vollkommener gemacht.

Himmelblauerhimmel

Wilco. Sie live zu sehen, eine Sensation. Davor: Carla Bozulich. Nichts weniger als intensivste kakophonische Leidenschaft, schmerzvoll besungen. Und dann war diese Band, die mein Herz mit Freude beschenkt, die meinen Gehörgängen preziöse Vorträge wärmster Melancholie und direktester Musikalität beschert, in bester Form bei einem unvergesslichen, intimen, Konzert. Vollendeter Genuss. But this is what love is for. To be out of place. Gorgeous and alone. Face to face.

Saarbrücker Sonntage

Langeweile voller Rituale. Sonntage waren oft ungenießbare Stunden mit der Erwartung, bald wieder zur Schule gehen zu müssen. Später wurden sie zu ungefüllten Ruhepunkten, mal mit Kartenspielen veredelt oder mit Restaurantbesuchen versüßt. Mit meiner Oma. Nun, da Anja bei mir ist (was das Wichtigste in diesem Jahr ist), sind Sonntage auch Momente der nervösen Innerlichkeitsbetrachtung. Langeweile als Katalysator der psychischen Blockaden im Herzen. Heftige Wortgefechte mit schmerzhaften Argumenten reihen sich an launige Spaziergänge – aber auch an warme neutrale Stunden der zeitlosen Zärtlichkeit (freilich nur möglich durch das Gebot des Nichtstuns).

Klausurnächte

Abitur als schwerste Prüfung? Vor den als vielfach leichter erachteten Klausuren im Studium lag ich schlaflos oder beunruhigt träumend in einem zerfledderten Bett, schwitzend und vom Niedergang der eigenen Möglichkeiten sinnierend. Angst säumte meinen Weg und Nervosität (wörtlicher Art: angespannte Nerven) plagte meinen Geist, der doch nur nach Ruhe verlangte. Und immer wieder die Traumvorstellung, die Klausur zu verpassen, zu spät zu kommen. Aber: letztlich nur freudsche Wunscherfüllung. Klausur bestanden. Weiter geht’s.

Allein vor dem Bildschirm/Allein vor der Leinwand

Das Kino berührt nicht, das Fernsehen auch nicht. Warum? Weil nur die Traumerfahrung Erkenntnis liefert: alleine mit sich selbst und dem Geschehen.
Battle in Heaven von Carlos Reygadas: Ein Meisterwerk, das mich nicht schlafen ließ, mich berührte, mich involvierte, meine Spiritualität – ja mein gesamtes seelisches Gleichgewicht – in Frage stellte, weil es tief in die Seele greift. So ging es mir auch mit dem Schweigen von Ingmar Bergman. Und mit Import/Export von Ulrich Seidl. Im Kino. Allein. Mir war eine geschlagene Woche schlecht – von diesem Film.

Rotes Büchlein

Kein Tagebuch, sondern Notizen, die das Leben einfangen, es dekonstruieren – das Wichtigste filtern und den Wesensgehalt des Alltags beleuchten – und das Vergessen zersetzten. Ich erinnere Dinge lieber auf meine Art. Tägliches Sinnieren über den Tag, über Befindlichkeiten, Sorgen, Freuden, Nöte und all das, was auf mich einströmt. Ich kontrolliere mich in narzisstischer Wut, veredle aber auch meine Gedanken. Weil ich sie so weiterverarbeiten kann.

Schokoladenfieber

Aus welchem Impuls auch immer, ich probiere die seltsamsten, verschiedensten Sorten Schokolade, degustiere Bitteres, Scharfes, Trockenes, Süßliches und Exotisches. Sammlerwut könnte man es auch taufen. Ich lerne die eigentümlichsten Geschmacksrichtungen kennen, verliebe mich hie und da. Aber vor allem setze ich dem Schokoladenkonsum ein leuchtendes Denkmal – weil ich ihn wichtig nehme und so die Sucht nach dem Süßen domestiziere.