17. Oktober 2007

Strahle, kleine Lampe

Ich kann mich noch genau daran erinnern. Es war so etwas wie eine Sensation in meiner Kindheit, die – aus männlicher Sicht – ja immer von einer gewissen Faszination für Technik ausgezeichnet ist. Ich kannte jeden Disney-Film; ich liebte Animation, Comics, all das wunderbar gezeichnete Zeugs, das in seinen Grundzügen eine solche Seele ausstrahlte, dass es heute inzwischen als nostalgische Sinneserfahrung (und mithin gefestigte Erinnerung an die strahlende, unbekümmerte Kindheit) erinnerbar ist. Ich weiß nicht mehr genau, welches Jahr es war, aber „Toy Story“ brach in das Leben eines jungen, faszinierten Kinosehers und Disneyfans wie ein Meilenstein ein: der erste computeranimierte Zeichentrickfilm.

Damals konnte ich mit dem Namen Pixar nicht viel anfangen. Ich ahnte nicht, dass es eine der kreativsten und vielseitigsten Ideenschmieden des modernen Films werden könnte. Vielmehr war ich begeistert von der detailreichen 3D Welt, den mitreißenden Figuren, dem Wortwitz und der Verve dieses Filmods, das heute bereits ein Klassiker ist. Pixars Erfolg ist aber auch die Geschichte des (kolportierten) Untergangs der klassischen Zeichentrickanimation. So zumindest sah es aus, als nur ein Jahrzehnt nach „Toy Story“ der letzte handgezeichnete – eh schon längst vom Computer unterstützte – Film von Disney in die Kinos kam. Die Tränen weren zahlreich gewesen sein, doch der geneigte Filmliebhaber mag ahnen, dass dies nur ein Rückzug mit kurzer Verweildauer ist.

Dass dieser Rückzug aber nicht weh tut, muss Pixar zugeschrieben werden.

„Toy Story 2“ war nicht nur einer der besten und vergnüglichsten Fortsetzungen eines Unterhaltungsfilms überhaupt, sondern auch als Statement zu sehen. Hier hatte sich ein kleines Unternehmen unter der fütternden Hand des Riesenbetriebes Disney herausgenommen, die Ideenvielfalt, den sprühenden Witz und den Einfallsreichtum des großen Bruders herauszufordern. Und tatsächlich war dies erfolgreich, ja nicht nur das. Es war ein Ereignis.

Und Pixar inzwischen nicht mehr alleiniger Computeranimationsbetrieb. „Antz“, ebenfalls ein hinreißender Animationsfilm, kämpfte mit dem „großen Krabbeln“ um Zuschauer und man ahnte, dass sich hier ein Wettbewerb entwickelte, von dem der Zuschauer nur profitieren konnte. Zu Beginn des neuen Jahrtausends lieferten sich Firmen wie Dreamworks – die unter dem ehemaligen Disneykreativen Jeffrey Katzenberg schon einige Aufsehen erregende Animationswerke abgeliefert hatten, unter anderem „Mein großer Freund Joe“ vom späteren Pixar-Regisseur Brad Bird – oder 20th Century Fox Duelle mit dem kleine Label aus Emeryville in Kalifornien. Dazu kamen die fantastischen Filme von Aardmann („Chicken Run“, „Wallace and Gromit“) und die grandiosen Animeabenteuer aus Japan, vor allem jene aus der Feder und der Farbpalette von Hayao Miyazaki (Meisterwerke wie „Prinzessin Mononoke“ und „Chihiros Reise ins Zauberland“). Der Animationsfilm stand vor einer blühenden Renaissance.

Der Animationsfilm und vor allem der computeranimierte Trickfilm erlebt vielleicht gerade sein goldenes Zeitalter. Während die Comic dieses schon während der 30er und 40er in den USA erreichten, der Comicstrip mit den Peanuts von Schulz ab den 50ern, scheint nun die Zeit reif für die kleinen Spielereien, die nicht nur Kinder begeistern sollen. Die Animationskunst hat sich in die Mitte der Gesellschaft gekämpft. Sie wird von Kindern und Erwachsenen genauso goutiert und geliebt.

Während dieses noch anhaltenden Booms generierten sich Filme wie „Shrek“ oder „Ice Age“ zu kleinen oder großen Klassikern des Genres. Doch der stetig wachsende Markt, der unglaubliche Gewinne verhieß, drückte auch auf die kreative Freiheit seiner Macher. Jeder Film musste auch seine Fortsetzung finden („Shrek 2“ und 3 und bald 4) und damit wurden die Bedingungen schlechter. Man setzte auf die Sicherheiten eines von Popkultur infizierten Publikums und schleuderte derlei Zitate in den Raum, die auch noch die Jüngsten begeistern konnten. Coolness statt liebevoller Hommage. Filme wie „Madagascar“ legen davon Zeugnis ab. Trends werden ausgeschlachtet (Pinguine), Märkte und Zielgruppen bedient. Nichts treibt die Familien, aber nicht nur jene, zielsicherer in die Kinos als computeranimierte Trickfilme. Das zumindest sieht die Filmbranche so.

Pixar aber steht heute wie der Monolith unter den Animationskünstlern. Weil sie echte Künstler sind und zudem unterhalten. Mit „Monster AG“ und „Findet Nemo“ (dem größten Erfolg des Animationsfilms schlechthin) erschufen sie kleine Filmjuwelen, die Groß und Klein fesseln, Geschichten von wundersamer Fülle erzählen und zudem noch einen Charme versprühen, der seit den 70er Jahren im Animationsbereich verloren gegangen ist.
Mit „Den Unglaublichen“ wagte man sich erstmals an einen Stoff, der ganze Massen von Zuschauern auszufiltern drohte. Zu sehr gewagt war die Superhelden-James-Bond-Parodie; aber Pixar gewann. Vor allem auf künstlerischem Wege. Ein solches Feuerwerk an Wortwitz, Körperkomik und ein solches Animationsspektakel hatte die Welt noch nicht gesehen. Dass sich Pixar mit „Cars“ ein wenig ausruhte und die Grundzüge amerikanischer Wunschvorstellungen um einen sprechenden Rennwagen ein wenig übererfüllte, mag – muss man verzeihen.

Mit „Ratatouille“ gelang den magischen Trickfilmmeistern ihr bisher schönstes, dringlichstes und komplexestes Großwerk. Die überbordende Fülle an komischen Einfällen, die Rasanz der Handlung und die liebevolle Animation, die so detailreich wie bestechend realistisch ist, die sanfte Ironie und das erhabene Zitieren von Film, Kunst und Gegenwartskultur – all das ist so unglaublich versiert und beeindruckend unterhaltsam – man denke an die herrlichsten Slapstickeinlagen seit Erfindung des computeranimierten Films – dass man das Kino ein wenig glücklicher verlässt. Insofern sind die Männer und Frauen, die Kreativen um die kleine Lampe, bei Pixar wahre Pioniere. Sie vereinen Unterhaltungsfilm und kommerzielles Kalkül mit Kunstfertigkeit und prägnanter kreativer Aussagekraft. Sie gewinnen einem so simplen Aufsteigerschema nach dem Motto „Jeder kann es schaffen“ noch so viel Zauber ab, dass es eine wahre Freude ist.

Pixarfilme sind die strahlenden Meisterwerke und die leuchtenden Ereignisse des Unterhaltungsfilms der Gegenwart. Und ein Vergnügen für jeden!