6. August 2007

Der ewig Suchende
Ein persönlicher Nachruf auf Ingmar Bergman

Die Nachricht, dass Ingmar Bergman – einer der energischsten, begabtesten und einflussreichsten Künstler der europäischen Kulturgeschichte – gestorben ist, traf mich wirklich schwer. Ingmar Bergman ist für jemanden, der für sich die Schönheit des Kinos entdecken will, eine jener Lichtfiguren, die über allem stehen und bei genauer Betrachtung wie die Essenz des Kinos an sich zu deuten sind. Das Kino ist Bergman und Bergman ist das Kino.

Was pathetisch klingt, ist nichts anderes als der simple Beweis dafür, dass ein Künstler wie Bergman die Welt des Kinos – und damit den Blick der Kamera – für immer verändert hat.
Als ich meinen ersten Bergman-Film sah, bezeichnenderweise dadurch bedingt, dass er retrospektiv im Fernsehen im Rahmen einer Bergman-Gesamtschau gezeigt wurde, blieb ich sprachlos, fasziniert und in einem nicht zu erklärenden Maße erleuchtet zurück. „Wilde Erdbeeren“ war dieser erste Bergman-Film – und er hat mein Verständnis eines Filmkunstwerkes, mein Bild von Kunstfertigkeit und menschlicher Schöpfungspotenz, entscheidend geprägt.

Ein Regisseur wie Ingmar Bergman fehlt im Gegenwartskino. Das muss so gesagt werden, weil Bergman einer der Architekten der klassichen Moderne im Kino war. Diese ist aber Vergangenheit. Und auch wenn Bergman das Kino für immer verändert hat und Generationen von Filmemacher beeinflusste: Seine Filme waren und sind ein (bewusst produzierter) Teil Vergangenheit. Vielleicht nicht mehr zu reproduzierende Vergangenheit. Auch deshalb wiegt die Trauer um seinen Tod so schwer. Was Bergmans Filmkunst aber unvergesslich macht, und seine Relevanz als Künstler unterstreicht, ist dieses einzigartige Gefühl, der menschlichen Seele näher zu kommen, mit all den damit verbundenen Schatten und Lichtern.

In der Tat ist dieser schwedische Film und Theaterregisseur ein unermüdlicher Suchender gewesen. Seine Theaterprojekte versprühten eine ähnliche konzentrierte Grandezza, seine autobiographischen Studien (Mein Leben, Bilder) sind prägnante Lebensberichte eines komplexen Geistes, der unermüdlich mit seinen eigenen Ängsten rang. Obwohl es hinter seinen Filmvisionen keinen festzumachenden stilistischen Grund gibt, erscheint die permanente Vergangenheitsbewältigung aus der Kindheit heraus als Konstante seines Werkes. Nicht selten speisten sich die Ideen seiner Werke aus eigenen Erfahrungen und Erlebnissen, die von seinen Akteuren und Aktricen – denen er mehr als jeder andere Regisseur der Kinogeschichte vertraute - deshalb inszenierte er immer wieder mit ähnlichem Schauspielerstamm – in eine Lebendigkeit gewandelt werden, die für jeden Zuschauer bedrängend sein mussten.
Der scheue Außenseiter kämpft mit dem Leben und lässt seine Zuschauer daran teilhaben.

Das Bergman-Kino ist, weil es die Seele erforscht, bedrückend, manchmal düster, oft aber überraschend hell. Obwohl sich seine großen Dramen („Das Schweigen“, „Persona“, „Das siebte Siegel“, „Szenen einer Ehe“ etc.) im kollektiven Gedächtnis der Kinoliebhaber verfangen haben, werden seine großartigen Komödien – darunter sein schillerndes „Lächeln einer Sommernacht“ – gerne vergessen. Aber auch hier findet sich der humanistisch geschulte Blick eines Arbeiters und eines ewig Produktiven, der hinter den groben Alltäglichkeiten das Wahre und Ehrliche zu finden versucht.
Ich habe bei jedem Bergman-Film das Gefühl, die Realität roh und unvermittelt beobachten zu können. Dies kann man nicht einfach konsumieren, es muss bearbeitet werden. Und Realität heißt nicht unbedingter Naturalismus, denn jeder Traumerfahrung - alle Bergman-Filme sind solche Erfahrungen - geht die unbedingte Vernunft voraus, seine eigene Realität erkennen zu wollen.

Seine Figuren erscheinen so klar, so präzise. Als wüssten sie mehr als wir. Sie sprechen mit natürlicher Strenge aus, was sie fühlen, was ihre Seele eigentlich meint. Als wüssten sie um das Unbewusste. Dafür bewundere ich sie. Aber dann reagieren sie so kühl, so unfassbar direkt, erfassen die Realität mit ihren eigenen Händen und wissen nicht, was sie damit anfangen können. Darin sind alle Bergman-Figuren gleich hilflos. Sie verletzten sich mit Worten und Gesten. Und nicht nur die Figuren im Kino-Raum, sondern auch jene Zuschauer im Kinosaal.
Aber dennoch blicken sie dadurch hinter die Fassade und hinter den Vorhang der dynamischen Gestalt des Lebens. Sie suchen, obwohl es kaum Antworten zu geben scheint. Und wenn es sie gibt – „Fanny und Alexander“ ist Bergmans großartige und dennoch kaum zu vermittelnde Antwort auf all die Fragen seines Werkes – dann sind sie keine Sätze mit Ausrufungszeichen. Nur das Fragezeichen scheint den formlosen Hauptsätzen genommen. Ihre spröde Grammatik aber, von einer beeindruckenden Sprachfertigkeit umhüllt, bleibt bestehen.

Dann ist da der Blick in die Gesichter. Wohl kein Regisseur der Kinogeschichte vertraute so sehr den formvollendeten, gefühlsschwangeren Physiognomien seiner Darsteller. In jedem Gesichte bildet sich so all die Schreckenserfahrung ab, die im Laufe der Handlung nur allzu verständlich wird, aber doch schon mit dem ersten Blick der Kamera in die Fenster der Seele zugänglich war.

Als ich „Szenen einer Ehe“ sah, wurde mir schlecht. Solch ein physisches Unbehagen bereitete mir die gedrängte, explizite Destruktion des Bildes, das mir die Gesellschaft von Ehe vermittelt hat. Bergman löst solche Archetypen des Alltages auf, indem er das Bild dahinter verschwinden lässt. Die „Szenen einer Ehe“ sind nur noch Dialog und Konfrontation. Sie besingen die eigentliche Wahrheit hinter der Beziehung des Menschen zu anderen Menschen. Und hier spricht unvermittelt die Gegenwärtigkeit der Seele in allen menschlichen Prozessen; nichts, aber auch rein gar nichts ist ohne Psychologie erklärbar und vor allem denkbar.
Der Mensch ist nicht nur denkendes, sondern vor allem fühlendes und handelndes Individuum. Wenn nicht bei Bergman, bei welchem anderen Künstler in der europäischen Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts wurde dies so deutlich; wenn nicht bei Bergman, wo wurde die Strenge der Form, die Grenzenlosigkeit des seelischen Raumes so sehr in den Mittelpunkt gestellt?

Ach, diese Frauen. Bergman ist der große Inszenator des Weiblichen im Kino. Seine Frauenfiguren sind die mutigeren, stärkeren, bedingungsloseren und dennoch oft die hilfloseren den Männern gegenüber, die herrschen, Gewalt ausüben und entscheiden. Über Leben und Tod. Einige Schauspielerinnen waren seine Geliebten (Harriet Andersson, Ingrid Thulin, Bibi Andersson, Liv Ullmann); er verehrte sie, in dem er ihnen Figuren schrieb, die von all der Qual des Lebens Zeugnis ablieferten, aber doch versuchten, diese zu verstehen und zu überstehen.

Vielfach akzeptierte man den Mann, der sich in den letzten Jahren seines Lebens auf der kleinen Insel Farö zurückzog und nur noch einen Film drehte (fürs Fernsehen) als den manischen Pessimisten, den düsteren Magier des Kinos, der ohne schmerzhafte Konzentration kaum zu ertragen ist. Intellektuelles Kino, das zurecht Anklang bei den Existenzialisten fand.
Aber Bergman war kein Pessimist und seine Filme legen, bei aller leidensdurchdrungenden Vision, dies auch nicht nahe: Jedem Film wohnt eine Hoffnung inne; sie zu erkennen ist aber kein Leichtes, sondern eine Aufgabe, der man sich stellen muss. Es sind mannigfaltige Hoffnungen, die im Kleinen bestehen und die großen Ängste nicht beseitigen können. Die Suche nach Gott bringt vielleicht nur einen Marionettengott zutage – aber sie bringt ihn zutage! Dem Tod können vielleicht die Einzelnen nicht entrinnen, aber vielleicht doch eine kleine Familie; Gott ist möglicherweise Liebe und nicht außerhalb des Menschen zu suchen. Und ein verbitterter alter Mensch kann noch auf dem Todesbette seinem Leben einen Wechsel geben.
Vielleicht!

Diese Wünsche eines zweifelnden, sinnierenden Gauklers, eines das Leben für den Außenstehenden offenbarenden Narren, der das Vielleicht als drohende aber auch positive Wirkungsmacht in sein Werk integriert hat, sind das eigentliche Erbe eines Suchenden, eines Humanisten, der niemals aufgegeben hat, sondern stets versuchte, die Gegenwart zu verstehen und die großen Fragen zu stellen. Dass ihm dies eine Lebenasufgabe werden würde, konnte er in frühster Kindheit nicht ahnen. Wir aber können uns vor der gelungenen Vision dieses einzigartigen Künstlers verneigen.
Ingmar Bergman verstarb am 30. Juli 2007 im Alter von 89 Jahren.