2. April 2007

Berlin III
(Singin’ hallelujah with the fear in your heart)

Wieder einmal Berlin. Ich weiß gar nicht mehr, was einmal Berlin für mich war, denn es hat so viele Bedeutungen gewonnen, unterschiedlichste Nuancen entwickelt und ruppige Sinnesverkrümmungen in mir ausgelöst.
Berlin war und ist Geburtswiege, Heimat, Inspiration, aber auch klagende Möchtegernmetropole mit großen Ambitionen und wenig Geld im Portemonnaie, die ihren Schmutz geschickt zu verbergen versteht.
Ich mag sagen, was ich will: Diese Stadt versteht es dennoch, mich zu verzaubern und sie versteht es, mich zum Tanzen zu bringen. Ich tanze mit meiner Vergangenheit, einer lebendigen Nostalgie. Melancholisch, gewiss. Aber erhellend. Ich kann so viel Bedeutung aus den Dingen ablesen, aus den Menschen, die ich nicht mehr so oft sehe – sehen kann. Verständnis und Erkenntnis verstecken sich hinter diesem Prozess, der es mir diesmal in einem weit produktiveren Maße als üblich gestattete, mich in den Kern des Inneren meiner Vergangenheit, die immer auch meine Gegenwart berührt (jeden Tag), durchzuwühlen, um dort, mit einigem Genuss und doch gewisser Angst, friedlich zu verweilen.

Dieses mal, diese drei, beinahe vier, Wochen, habe ich eine dermaßen kraftvolle Inspiration gefunden, dass ich Nächte lang nicht schlafen konnte, weil die Gedanken in meinem Geiste vor Verzückung, Bedrängung und Freilegung emotionaler Ressourcen vibrierten. Ich habe Tränen geweint, weil ich dieses so lange vermisste Innere einmal wieder ergreifen konnte, denn jenes schenkt mir dringend benötigte Gelassenheit. Hinter all der Inspiration, die sich durch den kunstvollen Blick in innig Geliebtes von selbst ergab, duckte sich aber die Selbstdisziplin, die mich aufrichtend antrieb, für mein Studium zu arbeiten. Kontinuierlich. Und mit großer Konzentration.

Diese Kraft erlangt zu haben macht mich erst einmal stolz. Denn noch einmal dahinter befinden sich die Juwelen, die ich ganz von selbst ausgegraben habe und die sich funkelnd vor meinen Augen zeigten:

Rückblicke auf Gelesenes (und die Passion des Mythologisierten, das gelesen werden müsste), Gesehenes, Gedachtes, Geträumtes und ewig Gewolltes. Den Alltag ignorierend fand ich eine Balance zwischen mittelalterlicher Ritterlyrik und kreativem Ersinnen. Meine liebe Anja als Verstärker der Innigkeit unterstützte diesen Prozess, der mir ein Höchstmaß an Freiheit erlaubte. Mein Opa bohrte sich mir in die Seele und fand sowohl Schatten als auch Licht. Mein Vater stand – wie so oft – für den gegenwartsfesten Gedankenaustausch und menschenfestes Vergnügen, meine Mutter gelingt als Symbol für das Warme und sich ewig ausdehnende Heimatliche und meine Schwester und mein Stiefvater zeugen von unerschütterlicher Energie beim Einsatz für jeweils unterschiedliche, ihnen eigene Ziele.

Und dann sind da auch noch die Menschen, die mein Leben so sehr prägen – jene, die ich liebe: Freunde, die mein Herz erfüllen und es mit Sinnlichkeit befüllen.

Aus dem Vielen ragt dann noch das Wenige, das neu ist und nicht wiederentdeckt, heraus.

Arcade Fire mit Neon Bible. Musik, die ich in mein Herz geschlossen habe, die den Dialog sucht zwischen Seele und Welt, zwischen Innen und Außen. Neon Bible ist eine berückende Messe, die sich in die Hirnwindungen gräbt, die tiefste Melancholie hervorbringt und Erhabenheit nach sich zieht. Ein wunderschönes Meisterwerk einer Band (die ich leider nicht live sehen konnte, weil es dem Sänger, Win Butler, krankheitsbedingt an der Stimme mangelte), die ebenso verzückt wie begeistert. Eine der wichtigsten Platten unserer Zeit. Eine der wichtigsten Bands unserer Zeit.

Guillermo del Torro mit Pans Labyrinth. Ein Film, der das Schreckliche plastisch macht, der verstört und kaum zu ertragen ist. Physisches Kino und zugleich sinnstiftende Märchenstunde. Die Möglichkeiten des modernen Kinos sind hier in einem Film vereint und die Erkenntnis reift, dass die besten Filme zur Zeit kaum von amerikanischen Regisseuren gemacht werden, sondern von Mexikanern (Cuarón und Inárritu gesellen sich dazu). Man mag kaum hinsehen und tut man es doch, dann sind es Bilder, die nicht vergessen werden können!

Lewis Carroll mit Alices Abenteuer im Wunderland. Ein Buch, das ich immer lesen wollte, dessen Inhalt mich immer begleitete und dessen Symbolkraft mich einfach fesselt. Nie war es so wichtig, ein Buch zu lesen. Nie war es so schön, bestätigt zu bekommen, dass die Macher deiner Träume auch Genies waren. Carroll war eines. Ein literarisches Genie.

Und dann waren da noch Foucault, Bacon, Fromm, Brecht, Grillparzer, Courbet, Saudek, La Chapelle, Penderecki, Blumfeld, Fußball, Vanity Fair, Comics, Mahlzeiten, ein kleines Vögelchen, billiges Fliegen, Akte X, guter Wein und vor allem Menschen, die mir wirklich etwas bedeuten.

Mein Berlin.