3. November 2006

Gespräche in der Kälte

Vermutlich gibt es unzählige Aphorismen, Zitate und andere Poesie zum Thema Freundschaft. Dieses Zitat ist von Henry Miller:

„Ein Freund stattet einen mit tausend Augen aus, wie die Göttin Indra. Durch seine Freunde lebt man ungezählte Leben. Man sieht in anderen Dimensionen. Man lebt, das Obere nach unten und das Innere nach außen gekehrt. Man ist niemals allein.“

Kristallklare Kälte und kühle Trauer dominieren einen erlahmenden Tag, der an und für sich kaum eine Errungenschaft darstellen würde – denn jeder Tag, der von Trauer erfüllt ist, ist ein schwieriger –, aber dennoch klingt der Tag mit bittersüßlicher Melancholie aus: Wenn zwei Menschen, die einander verstehen, die sich aus tiefstem Herzen mögen, respektieren und akzeptieren – wenn diese minutenlang im Nichts der wüsten, eisigen, frühen Nacht alleine und verlassen auf dem Campusgelände verweilen, dann verschwindet die Welt um sie herum im Nirgendwo, weil nur sie wichtig sind.

Ob dies Bedingung für Freundschaft ist oder Freundschaft Bedingung hierfür, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber es zeugt von menschlicher Größe, die Freundschaft als etwas Besonderes zu erachten – das mag verbunden sein mit Mut, Verständnis und in letzter wie erster Instanz wahrer Liebe. Dem Menschen können größte Schmerzen zugefügt werden, er kann unter der bitteren Last des ungelebten Lebens zerbrechen – von einem Moment auf den anderen kann alles anders sein – doch ein inniges, von tiefstem Zutrauen geführtes Gespräch mit einem Menschen, den man braucht und nach dem man sich sehnt, wird niemals vergessen. Ein Freund wird niemals vergessen.