13. Januar 2006

Beobachtung einer depressiven Verstimmung


Es ist die wahnsinnigste Egozentrik, die dem Leben die letzte Kraft raubt, es auslaugt und letztlich aus dem Gleichgewicht bringt. Freude sollte keimen und verdorrte jämmerlich. Große Erwartungen waren es zuweilen an irgendetwas, an irgendjemanden. Ein Treffen mit einem geliebten Menschen. Es hatte nicht die befreiende Wirkung. Das Wiedersehen mit der zurückgebliebenen Familie. Es blieb oberflächlich und leer. Die hohen Leistungserwartungen an sich selbst. Sie blieben nur leere Hülsen. Mehrere Ereignisse beflügeln das Ungleichgewicht der Seele. Sie schwankt und wankt, zerfließt in Kummer und gehorcht keiner Beruhigung. Zärtlichste Worte von emotionaler Intensität verdampfen im Nichts des Raumes. Trauer müsste folgen. Aber ein tiefer Abgrund wird sich auftun – und der Blick hinab ist verstörend. Schließlich entfacht sich das unvermeidbare Selbstmitleid wie ein Feuer über der splitternackten Seele. Gefühle beginnen sich zu weigern; alles scheint sich anders anzufühlen. Doch wo bleibt die doch so ermutigende Wut. Sie bleibt aus, verhallt kläglich, obwohl doch das Innere schreit und ächzt. Erhörst du diese Stimme nicht, so wird sie mit der Zeit verschwinden. Enttäuschung verbiegt die Sicht auf die Gegenwart. Einsam bleibt das Bemühen von Freunden – von Menschen allgemein – Impulse zu geben. Das Lachen, sonst Ausdruck der Freude, wirkt mechanisch, ja unecht und bestenfalls ein wenig befreiend. Es kann dich verschlucken, wenn das zarte Gift der Selbsterkenntnis dich rüttelt, dass dein Lächeln nur ein unechtes Vibrieren deiner Gesichtsmuskeln war. Und du willst weinen, klagen, wehmütig versinken. Aber es geht nicht. Du bist gelähmt. Ja, du!

Keine Inspiration (weil ich keine aussende), begrenztes Interesse für mich (weil ich mich nicht interessiere), keine Konzentration (weil ich mich ablenke). Mangelnde Bewegung sorgt für Verspannungen, der Körper zerbricht unter der Last seines flackernden inneren Lichtes, das zusehends zu verlöschen droht. Rituale pflege ich, komme mir dabei selber vor, als würde ich sie manisch überdehnen, und dann erkenne ich ihre Nutzlosigkeit. Das ergreift. Es lähmt. Mut versiedet. Was tust du, wenn dein Hirn dich mit eisiger Kälte und monoton grässlichem Tonfall auf die Ausweglosigkeit deiner Situation vorbereitet? Du konsumierst. Du verschlingst. Du würdest am liebsten deinen Körper regungslos und verletzt zurücklassen. Beobachten, nichts als beobachten und Leid erkennen – aber zuletzt suchst du nicht mehr in dir nach Schmerz. Längst ist es eine blinde Sicht auf die anderen; und zugleich der egozentrische Wunderblick auf den Nabel der eigenen Welt. Kahler Dualismus. Kälte.

Irgendwann ergebe ich mich der Wutlosigkeit; erspüre tastend das sich ausdehnende verlangsamte Denken. Das Licht, es reizt so grausam. Und alles ist bläulich-schimmernd. Aufstehen aus dem Bette – eine Anstrengung, die wohlüberlegt werden muss. Zu warm und behütend ist der Kokon der vermeintlichen Unverletzlichkeit. Wie schmerzt dein Rücken, wie brennen deine Augen. Du fährst dir fahrig mit der Zunge über die Lippen. Immer und immer wieder. Und es ist zu spät, wenn du die Ticks, Macken, Außergewöhnlichkeiten erkennst. Sie haben dich schon eingenommen. Nun sind Fehler erkennbar. Das Essen ist fad. Der Mensch gegenüber ein Scheusal; gestern liebtest du ihn noch – heute verachtest du ihn. Ich nehme nun nicht mehr war, was passiert, unterdrücke die Realität und verkrieche mich so sorgsam es geht in meinem eigenen chaotischen Raum des Selbstmitleids. Es vermodert, verrottet und wird einstürzen, dieser Raum, dein Ich. Das Geschwür der schmerzhaften Schmerzlosigkeit wird dich um Luft zum Atmen betrügen. Und dann liege ich einsam auf dem Boden. Ich blicke aus dem Fenster, sehe monogames Grau, denke an den Gewehrmund, den ich über meine Schläfen wandern lasse. Schwarze Fantasien ersticken Vernunft brutal. Ich suche den Schmerz, während ich auf dem kühlen Teppichbelag liege. Nicht in der Lage wieder aufzustehen. Jedes Geräusch hundertfach lauter.

Stotterndes Keuchen bedeutet Atmen. Augen schließen. Langsam. Schwarz. Nichts.

Irgendwann zwischen Manie und Gebrechlichkeit finde ich mein Lachen wieder und die Flügel aus Wachs, die mich tragen, schwingen sich auf zu neuem Leben. Ich habe es überlebt, sagt mein Verstand. Und ich gehe weiter – immer mit der pochenden Angst in meinem Herzen, dass eine solche Phase immer wieder mein Leben ergreifen kann. Lächle. Ich lächle. Du lächelst. Das Leben sucht sich seinen Weg und manchmal irrt es durch dunkle Tunnel, um ein noch viel grelleres, intensiveres Licht wahrzunehmen. Dafür sei dankbar. Und für jene, die im Glanze dieses Lichtes dich mit brennendem Herzen küssend empfangen und jene, die dich, Hand in Hand, obwohl selber ängstlich, durch den sich ewig dehnenden Tunnel begleiten.